Ein Gedicht als Universum, eine Krise als Ursprung von Kunst: Mit alphabet von Inger Christensen bringt das Deutsche SchauSpielHaus Hamburg ein literarisches Jahrhundertwerk auf die Bühne, das die Grenzen zwischen Poesie, Musik und Theater auflöst. Das Gedicht der dänischen Autorin entstand als poetische Antwort auf existenzielle Verunsicherung – als Versuch, in einer scheinbar unlesbaren Welt wieder Sprache, Ordnung und Sinn zu finden. Regisseur Thom Luz verwandelt diesen poetischen Kosmos in ein sensibles Klang- und Bildertheater, in dem sich Worte, Musik und Schauspiel zu einem flüchtigen, faszinierenden Gesamterlebnis verweben.
Christensens Dichtung folgt einer strengen, beinahe mathematischen Struktur. Inspiriert von der Fibonacci-Folge, jener in der Natur häufig vorkommenden Wachstumsformel, lässt sie die Welt Stück für Stück aus Sprache entstehen. Mit der wiederkehrenden poetischen Formel „gibt es“ entfaltet sich ein universeller Prozess des Werdens: vom ersten Baum über Tiere und chemische Elemente bis hin zu kosmischen Erscheinungen wie dem Halleyschen Kometen. Physische und metaphysische Ebenen verschmelzen zu einer Hymne an das Leben, die zugleich von der Fragilität der Existenz erzählt. Das Gedicht wird so zu einer existenziellen Behauptung von Gegenwart und Zukunft – eine poetische Antwort auf die Bedrohung von Zerstörung und Vergessen.
Thom Luz überführt diese poetische Architektur in ein theatral-musikalisches Erlebnis von zarter Intensität. Mit drei Schauspielerinnen aus unterschiedlichen Generationen entsteht ein vielschichtiger Dialog zwischen Erfahrung, Erinnerung und Gegenwart. Ilse Ritter, eine der prägenden Bühnenpersönlichkeiten des deutschsprachigen Theaters, bringt ihre jahrzehntelange Theatererfahrung in die poetische Erzählbewegung ein. Neben ihr steht Julia Wieninger, vielfach ausgezeichnet und bekannt für ihre Zusammenarbeit mit bedeutenden Regiehandschriften der Gegenwart. Die jüngere Generation repräsentiert Alberta von Poelnitz, die nach ihrer Ausbildung an einer Musik- und Theaterhochschule den Übergang zwischen Film, Fernsehen und Bühne verkörpert.

Alberta von Poelnitz © Axel Martens
Begleitet werden die Darstellerinnen von den Musikern Stephan Krause, Ling Zhang und Peter Conradin Zumthor, deren musikalische Kompositionen die poetischen Landschaften Christensens in ein atmosphärisches Klanggewebe übersetzen. Musik wird hier nicht nur Begleitung, sondern eigenständige Erzählsprache – mal verspielt, mal melancholisch, immer von einer leisen Ironie und einer tiefen Sensibilität für den Augenblick getragen.
Das Ergebnis ist ein Theaterabend über Werden und Vergehen, über Sprache als Lebensraum und über die fragile Schönheit des Daseins. alphabet erinnert daran, dass Kunst in Zeiten der Krise ein Ort der Orientierung sein kann – nicht durch eindeutige Antworten, sondern durch das gemeinsame Erleben von Poesie, Klang und Bild. Ein leiser, kraftvoller Theaterkosmos, der den Blick auf die Welt neu öffnet.
Die Aufführungsdaten markieren dabei nicht nur eine Inszenierung, sondern eine Einladung, sich dem Rhythmus von Sprache, Natur und Existenz hinzugeben – und die Welt, wie Inger Christensen es in ihrem Werk vorschlägt, Wort für Wort neu zu entdecken.
25. März, 12. und 25. April, 12. Mai, 5. Juni 2026
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