Im Residenztheater München wird der antike Mythos in ein hochaktuelles Politdrama verwandelt. In „Ödipus“ nach Sophokles, neu interpretiert von dem britischen Regisseur und Dramatiker Robert Icke, verschwimmen die Grenzen zwischen Familientragödie und politischem Thriller. In einer Welt aus Wahlkampfstrategien, Medieninszenierungen und verborgenen Machtinteressen wird der klassische Stoff in eine Gegenwart übertragen, in der Wahrheit selbst zum umkämpften Gut wird. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Christina Schlögl und trägt die sprachliche Präzision und Dynamik von Ickes moderner Theaterästhetik auf die Bühne.
Ödipus steht kurz vor dem politischen Triumph. Als charismatischer Spitzenkandidat einer neuen Bewegung verkörpert er Hoffnung, Aufbruch und gesellschaftliche Veränderung. Doch hinter der glänzenden Fassade seiner Wahlkampfzentrale beginnen sich Risse zu zeigen. Während die letzten Stunden vor der Verkündung des Wahlergebnisses verstreichen, treten Figuren aus seiner Vergangenheit in Erscheinung und bringen ein Geflecht aus Geheimnissen, Manipulationen und ungelösten Fragen ans Licht. Besonders die mysteriösen Umstände um den Tod seines politischen Vorgängers und Gerüchte über seine eigene Herkunft treiben Ödipus zunehmend in einen Sog aus Misstrauen und existenzieller Unsicherheit. Icke zeichnet Ödipus als modernen Machtmenschen, der nicht aus Stolz, sondern aus einem tiefen Bedürfnis nach Wahrheit handelt. Doch jede Antwort führt zu neuen Fragen. Als seine Mutter Merope überraschend auftaucht und ein vertrauliches Gespräch fordert, wird die familiäre Struktur selbst zum politischen Spielfeld. Gleichzeitig treiben Fake News über Ödipus’ Herkunft ein Spiel mit Identität, Öffentlichkeit und politischer Glaubwürdigkeit. Die Frage nach Wahrheit wird zur zentralen moralischen und gesellschaftlichen Herausforderung – ein Thema, das in Zeiten medialer Überinformation besonders brisant erscheint. Der Regisseur knüpft damit an seine radikale Neuinterpretation klassischer Stoffe an und zeigt, wie antike Tragödien heutige gesellschaftliche Konflikte spiegeln können. Wie schon bei seiner erfolgreichen Schnitzler-Adaption „Die Ärztin“ verbindet Icke psychologische Spannung mit politischer Analyse. Das Stück offenbart den existenziellen Horror hinter scheinbarer Stabilität: dass persönliche und gesellschaftliche Konstruktionen jederzeit zusammenbrechen können. Die Inszenierung im Residenztheater wird so zu einem vielschichtigen Spiegel unserer Gegenwart – emotional, politisch und zutiefst menschlich.
Premiere: 24. April 2026
Weitere Termine: 26. und 29. April 2026
www.residenztheater.de






