Das Tiroler Festival für neue Musik die Klangspuren Schwaz 2026 macht die Region vom 10. bis 26. September zum Resonanzraum für Neue Musik – und stellt eine ebenso einfache wie radikale Frage: Was geschieht, wenn wir wirklich zuhören? Es ist ein bemerkenswertes Motto für ein Festival, das sich der Neuen Musik verschrieben hat: „Love is Louder“. Liebe ist lauter. Nicht im Sinne maximaler Dezibel, sondern als Behauptung von Aufmerksamkeit, Nähe und Menschlichkeit. In einer Welt, die von Nachrichten, Krisen, Kriegen und permanentem digitalen Rauschen geprägt ist, setzt das Festival Klangspuren Schwaz 2026 dem Lärm eine andere Form von Lautstärke entgegen: das bewusste Zuhören.
Im September 2026 wird die Region rund um Schwaz und Innsbruck zum vielschichtigen Klangraum. Unter der Intendanz von Marco Blaauw bringt das Tiroler Festival für Neue Musik 14 Uraufführungen und mehr als 20 österreichische Erstaufführungen nach Tirol. Dabei verlässt die Musik immer wieder den klassischen Konzertsaal. Sie findet in Kirchen, im Stadtraum, in Ausstellungsräumen, im Theater, im Club, in der Natur – und sogar in privaten Wohnzimmern statt. Das Festival versteht Zuhören dabei nicht als passive Tätigkeit. Es wird zur sozialen Praxis, zur Form des Widerstands und zum Akt der Verbundenheit.
Schon das Eröffnungskonzert am 10. September im SZentrum Schwaz setzt ein starkes Zeichen. Robin Hoffmanns „OEhr” kommt vollständig ohne Klang aus. Stattdessen richtet der Tänzer Edivaldo Ernesto den Blick auf den körperlichen Vorgang des Hörens. Was passiert eigentlich, bevor ein Geräusch zu Musik wird? Georges Aperghis’ „Die Wände haben Ohren, gespielt vom Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Elena Schwarz, treibt diese Idee ins Groteske und Virtuose: Der Konzertsaal selbst scheint plötzlich zu sprechen. Liza Lims Cellokonzert „A Sutured World” mit der Tiroler Cellistin Valerie Fritz wiederum macht aus den Brüchen und Rissen der Welt fragile Schönheit.

Valerie Fritz © Dino Bossnini
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Musik als kulturellem Widerstand. Die Verbindung zwischen Teheran und Österreich führt mitten hinein in die Frage, wie Kunst unter schwierigen politischen Bedingungen weiterleben kann. Musiker:innen des Sepidar Ensemble arbeiten in Teheran trotz Repression und Krieg an neuen Werken. Im Zentrum steht der persische Radif, das musikalische Gedächtnis des Iran, das über Jahrhunderte von Mensch zu Mensch weitergegeben wurde. Die Oud-Virtuosin Yasamin Shahhosseini und die Sängerin Sepideh Raissadat verkörpern diese Tradition als lebendige, widerständige Praxis.
Auch die Stadt selbst wird zum Instrument. In Tamara Millers begehbarer Konzertinstallation „Aquí nacen; poco importa dónde o cómo” im Rabalderhaus Schwaz treffen historische Spuren der Bergbauzeit auf die globalen Geschichten des Kolonialismus. Die Musiker:innen bespielen verschiedene Klanginseln, während Stimmen und Schritte des Publikums aufgenommen und in den Raum zurückgespielt werden. Wer zuhört, wird damit selbst Teil des Werkes. Diese Idee zieht sich durch das gesamte Festival. Bei „Solo for One” spielt eine Musikerin oder ein Musiker jeweils 15 Minuten exklusiv für eine einzige Person. Stadt.Klang.Spuren verwandelt Innsbruck am 19. September in eine offene Bühne, auf der stündlich an wechselnden Orten kurze Konzerte stattfinden. Und bei „Rent a Musician” kommt die Neue Musik sogar ins eigene Wohnzimmer. Besonders eindrucksvoll dürfte die Klangwanderung am 13. September werden. Vom Vomperberg führt der Weg zum Vomperloch und weiter zum Kraftwerk. Alpine Landschaft, Wasser, industrielle Energie und Musik verschmelzen zu einem gemeinsamen Erlebnis. Hydrophone machen verborgene Strömungen des Gebirgsbachs hörbar, Installationen setzen Wind und Klang in Beziehung, Musikerinnen und Musiker des Riot Ensemble und der Sänger Ty Bouque begleiten den Weg. Die Musik wird hier nicht betrachtet – sie wird gegangen, gespürt und entdeckt.

Codeborn © Frol Poslednyi
Auch gesellschaftliche Transformationen finden ihren Widerhall. In „Codeborn”, einer Koproduktion unter anderem mit Münchener Biennale, Tiroler Landestheater, Bayerischer Staatsoper und Ars Electronica Linz, entwirft Zara Ali gemeinsam mit Hannah Dübgen eine Welt im Bann künstlicher Intelligenz. Alte Hierarchien geraten ins Wanken, Machtfantasien eskalieren, der menschliche Körper wird zur informatischen Schnittstelle. Neue Musik wird damit zum Labor für eine Gegenwart, die selbst gerade ihre Regeln neu schreibt.
Dass das Festival dabei konsequent auf Begegnung setzt, zeigt auch das Future Lab. Studierende, junge Künstlerinnen, Künstler und Menschen aus der Region werden nicht nur zu Zuhörenden, sondern zu Mitwirkenden. Workshops, partizipative Projekte und der Creators Lab-Inkubator schaffen Räume, in denen Musik gemeinsam entwickelt und hinterfragt wird.
Und schließlich gibt es noch eine visuelle Ebene: Das Festival-Sujet der kommenden drei Jahre basiert auf Gerhard Richters Moving Picture (946-3). Teilung, Spiegelung und Wiederholung werden hier zu einem bewegten Bild – einem Prinzip, das Richter selbst als zutiefst musikalisch verstand. Gemeinsam mit Marco Blaauw und der Filmemacherin Corinna Belz entstanden filmische Fassungen, für die Steve Reich und Rebecca Saunders musikalische Entsprechungen schufen. Bild und Klang begegnen sich – und machen sichtbar, dass auch das Hören eine Form von Bewegung sein kann.
Zum Finale am 26. September wird diese Idee auf monumentale Weise erfahrbar. In Michael Pisaro-Lius „A Wave and Waves” erzeugen 100 Schlagzeuginstrumente keine große Klangkulisse, sondern kleinste, beinahe überhörbare Ereignisse: Samen auf Glas, Sandpapier auf Stein, eine weiche Bürste auf einem Tamtam. Aus diesen winzigen Geräuschen entsteht eine Welle. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft von „Love is Louder“: Das Laute muss nicht immer das sein, was am meisten Lärm macht. Manchmal ist es das, was wir nur hören können, wenn wir bereit sind, still zu werden. Die Klangspuren Schwaz 2026 laden dazu ein, genau das zu versuchen.
10. bis 26. September 2026
https://klangspuren.at

Rojin Sharafi © Hessam Samavatian






