Zwischen Wasser und Land, Erinnerung und Vergessen: Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet Evi Kliemand eine Ausstellung, die fünf Jahrzehnte künstlerischer Arbeit als fortwährende Spurensuche begreift. Malerei, Zeichnung, Fotografie und Literatur verbinden sich zu einem Werk, in dem Landschaft niemals bloße Kulisse ist. „Übers Wasser gehen“ erzählt von Übergängen, von der Zeit und von dem Versuch, das Verschwindende durch Wahrnehmung in Erinnerung zu bewahren.

Es gibt Landschaften, die man betrachtet. Und es gibt Landschaften, die einen betrachten. Im Werk von Evi Kliemand scheint dieser Unterschied aufgehoben. Wasserläufe, Ufer, Gärten, Berge und Übergangszonen sind bei der 1946 in Grabs geborenen und heute in Vaduz lebenden Künstlerin keine dekorativen Motive. Sie sind Erfahrungsräume – Orte, an denen sich Sichtbares und Verborgenes, Gegenwart und Erinnerung berühren.
Mit der Einzelausstellung „Evi Kliemand. Übers Wasser gehen“ widmet das Kunstmuseum Liechtenstein einer außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit eine umfassende Präsentation. Im Rahmen der Reihe „Im Kontext der Sammlung“ wird dabei nicht nur ein über fünf Jahrzehnte gewachsenes Œuvre sichtbar. Die Ausstellung würdigt zugleich eine wichtige Stimme in der Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Erbe Liechtensteins.
Kliemand arbeitet als Malerin, Zeichnerin, Schriftstellerin, Lyrikerin, Publizistin und Kulturvermittlerin. Diese unterschiedlichen Ausdrucksformen stehen bei ihr nicht nebeneinander, sondern treten miteinander in Beziehung. Bild und Wort, Beobachtung und Erinnerung, Landschaft und Zeit bilden ein dichtes Geflecht. Die Ausstellung macht dieses Zusammenspiel erfahrbar und eröffnet einen Blick auf eine künstlerische Praxis, die sich konsequent gegen das Vergessen richtet.

Evi Kliemand, Die Schättin, 1988/1991, Fotomontage, Sammlung EK, Foto: Heinz Preute © Evi Kliemand

Evi Kliemand, Die Schättin, 1988/1991, Fotomontage, Sammlung EK, Foto: Heinz Preute © Evi Kliemand

Ihre wichtigsten Schaffensorte sind dabei mehr als geografische Koordinaten. In Lavadina in Triesenberg, hoch über dem Rheintal, in Intragna im Tessin, wo Melezza und Isorno zusammenfließen, und in Vaduz, wo Kliemand lebt, findet sie jene Zwischenräume, die ihr Werk seit Jahrzehnten prägen. Besonders der Übergang von Wasser zu Land wird zum poetischen und malerischen Prinzip. Das Ufer ist eine Grenze – und gleichzeitig ein Ort der Verbindung. Genau diese Ambivalenz interessiert Kliemand. Ihre Bilder entstehen aus einer intensiven, beinahe meditativen Aufmerksamkeit für die Landschaft. Sie sieht und hört, beobachtet Spuren, Veränderungen und kleinste Verschiebungen. Was leicht übersehen wird, erhält Bedeutung. Das Vergängliche wird nicht festgehalten, als ließe es sich konservieren, sondern durch Wahrnehmung in Erinnerung überführt.
Die Kuratorin Annett Höland hat die Ausstellung gemeinsam mit der Künstlerin in drei thematische Bereiche gegliedert: „Die Schättin“, „Der Schamane“ und „Der Buddha“. Die Begriffe fungieren dabei nicht nur als inhaltliche Orientierung, sondern begegnen den Besucher:innen auch als eigenständige Werke. Sie öffnen unterschiedliche Zugänge zu einem Œuvre, das sich einfachen Kategorien entzieht und zwischen konkreter Landschaftserfahrung und innerer Wahrnehmung oszilliert.
Ausgangspunkt der Ausstellung sind Arbeiten aus der Sammlung des Kunstmuseum Liechtenstein, darunter Werke aus der Schenkung des Kulturwissenschaftlers Ralph Kellenberger (1952–2002). Ergänzt werden sie durch Leihgaben der Künstlerin. Dadurch entsteht ein Dialog zwischen unterschiedlichen Phasen und Medien ihres Schaffens: Früh entstandene Druckgrafiken treffen auf großformatige Leinwände der mittleren Schaffensphase und auf Malereien jüngeren Datums. Besonders reizvoll ist der Einblick in Kliemands zeichnerische Arbeit. Erstmals gezeigte Skizzenbücher machen sichtbar, wie unmittelbar Beobachtung und künstlerischer Prozess ineinandergreifen. Linien werden zu Denkspuren, Zeichnungen zu Momentaufnahmen eines Sehens, das sich immer weiter fortsetzt.

Evi Kliemand, Der blaue Buddha, 1998, Acryl auf Leinwand, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz / Schenkung Dr. Ralph Kellenberger, St.Gallen, Foto: Stefan Altenburger Photography, Zürich © Evi Kliemand

Evi Kliemand, Der blaue Buddha, 1998, Acryl auf Leinwand, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz / Schenkung Dr. Ralph Kellenberger, St.Gallen, Foto: Stefan Altenburger Photography, Zürich © Evi Kliemand

Auch die Fotografie spielt eine zentrale Rolle. In „Garden of Silence. Blüte, Blatt und Zeit“ richtet Kliemand ihren Blick auf den eigenen Garten. Blüten und Blätter werden dabei nicht zu botanischen Studien, sondern zu Zeugen der Zeit. Das Wachsen, Vergehen und Wiederkehren der Natur erscheint als stiller Zyklus, in dem sich auch die menschliche Existenz spiegelt.
Eine weitere Ebene eröffnet die digitale Dokumentation „Wegmarken. Eine Doku. Die Frau und Künstlerin“ (2025/26). Sie zeichnet Stationen aus Kliemands Leben und künstlerischer Entwicklung nach und ergänzt die Werke um biografische Perspektiven. Dazu kommen ausgewählte Hörbücher aus der Reihe „Evi Kliemand liest Evi Kliemand“. Ihre Stimme wird damit selbst Teil der Ausstellung – und macht erfahrbar, dass Kliemands literarisches Werk nicht als Nebenprodukt ihrer bildnerischen Arbeit verstanden werden kann.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Qualität dieser Ausstellung: Sie präsentiert nicht einfach fünf Jahrzehnte Kunst, sondern eine Haltung zur Welt. Kliemand begegnet der Landschaft mit einer Aufmerksamkeit, die beinahe widerständig wirkt in einer Gegenwart, in der Wahrnehmung zunehmend beschleunigt wird. Sie hält inne, wo anderes weiterzieht. Sie hört hin, wo vieles längst verstummt ist.
„Übers Wasser gehen“ wird so zum Bild für einen künstlerischen Zustand: sich über eine Grenze zu bewegen, ohne zu wissen, ob man festen Boden erreichen wird. Zwischen Wasser und Land, Wort und Bild, Erinnerung und Gegenwart entsteht ein Werk, das seine Stärke aus dem Dazwischen bezieht.
4. September 2026 bis 10. Januar 2027
www.kunstmuseum.li

Evi Kliemand, Foto: Heinz Preute © Evi Kliemand

Evi Kliemand, Foto: Heinz Preute © Evi Kliemand