Sie malte, was andere lieber nicht sehen wollten. Sie schrieb gegen das Schweigen an, beobachtete mit schonungslosem Blick und machte aus persönlicher Erfahrung ein politisches Bildarchiv ihrer Zeit. Mit rund 150 Gemälden, Zeichnungen, Collagen und Objekten widmet DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam Annemirl Bauer eine umfassende Retrospektive. Das Werk einer unbequemen, unabhängigen und lange übersehenen Künstlerin wird damit neu entdeckt – und erweist sich als erstaunlich gegenwärtig.
Es gibt Künstlerinnen, deren Werk eine Epoche widerspiegelt. Und es gibt Künstlerinnen, die ihrer Zeit widersprechen. Annemirl Bauer (1939–1989) gehört zur zweiten Kategorie. Ihre Bilder erzählen vom Privaten und Politischen, von Mutterschaft und Selbstbestimmung, von Liebe und Verletzlichkeit, aber auch von staatlicher Repression, Umweltzerstörung, Geschlechterungleichheit und dem Verlust von Freiheit. Bauer beobachtete ihre Umwelt mit einer Konsequenz, die keinen Bereich des Lebens ausklammerte. Sie hielt fest, was sie sah – und was sie nicht hinnehmen wollte.
DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam widmet dieser außergewöhnlichen Künstlerin ab dem 5. September 2026 eine umfassende Retrospektive. Über drei Jahrzehnte ihres Schaffens, von den späten 1950er-Jahren bis zu ihrem frühen Tod 1989, werden in rund 150 Arbeiten sichtbar. Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Objekte entfalten eine Bildwelt, in der persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Konflikte untrennbar miteinander verbunden sind.
Die Ausstellung ist in vier thematische Kapitel gegliedert, deren Titel aus Worten und Schriften der Künstlerin selbst stammen. Schon darin zeigt sich ein zentraler Charakter ihres Werks: Bauer arbeitete beinahe wie eine Chronistin des eigenen Lebens und ihrer Gegenwart. Ihre Kunst wurde zum visuellen Tagebuch – allerdings zu einem Tagebuch, das sich nicht mit dem Privaten begnügt. Das Persönliche wird bei ihr zum Ausgangspunkt für gesellschaftliche Fragen.

Annemirl Bauer, Wartende (Frau auf weggeworfener Schranktür / Gefunden auf dem Berge Prenzlau), 1985, Mischtechnik auf Holz, Annemirl Bauer Archiv © VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Jens Ziehe
Im ersten Kapitel, „Zwischenmenschliche Landschaften“, geht es um die elementarsten Erfahrungen menschlicher Existenz. Porträts, Mutter-Kind-Darstellungen und Bilder persönlicher Beziehungen kreisen um Nähe und Abgrenzung, Abhängigkeit und Selbstbestimmung, Verlust und Verbundenheit. Besonders eindringlich erscheint dabei Bauers Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität als Frau und Mutter. Mutterschaft wird nicht idealisiert, sondern als komplexe Erfahrung zwischen Liebe, Verantwortung, Verletzlichkeit und dem Wunsch nach Eigenständigkeit sichtbar.
Das zweite Kapitel trägt den programmatischen Titel „Frauen, wenn wir heute nichts tun, leben wir morgen wie vorgestern“. Bauer entwickelt hier einen dezidiert feministischen Blick auf Geschichte und Gesellschaft. Ihre Arbeiten hinterfragen die männlich dominierte Kunstgeschichtsschreibung ebenso wie patriarchale Machtverhältnisse. Sie richtet den Blick auf Erfahrungen von Frauen, auf Gewalt und Unterdrückung und auf die schwierige Suche nach einer selbstbestimmten Identität. Ihre Bilder werden zu Gegenbildern einer Geschichte, in der Frauen allzu oft nur am Rand vorkommen.
Besonders politisch wird Bauers Werk in den 1980er-Jahren. „Nicht schweigen werde ich“ lautet der Titel des dritten Kapitels – und er liest sich wie ein künstlerisches Programm. Bauer setzte sich zunehmend mit den Machtstrukturen der DDR auseinander und wurde selbst zur Betroffenen staatlicher Repression durch das Ministerium für Staatssicherheit. Ihre Kunst wurde zum Mittel des Widerspruchs. Sie thematisierte die zunehmende gesellschaftliche Enge, Desinformation und Entmündigung, Umweltzerstörung, den Bau der Berliner Mauer und das damit verbundene Gefühl des Eingesperrtseins.
Bemerkenswert ist, wie unmittelbar Bauer politische Realität in alltägliche und zwischenmenschliche Situationen übersetzt. Ihre Werke sind keine distanzierten politischen Kommentare. Sie sind persönlich, emotional und oft schmerzhaft direkt. Gerade dadurch gewinnen sie ihre Kraft.
Das vierte Kapitel, „Ich will den Erdball selber abtasten“, widmet sich Bauers lebenslanger Faszination für das Reisen. Reisen bedeutete für sie mehr als Ortswechsel: Es eröffnete neue Perspektiven und wurde zu einer Möglichkeit, gesellschaftliche Wirklichkeiten unmittelbar zu erfahren. 1987/88 reiste sie ein letztes Mal nach Spanien und auf die Kanarischen Inseln. Zahlreiche kleinformatige Zeichnungen und Reisecollagen zeugen von dieser Erfahrung. Doch auch fern der DDR blieb Bauer eine kritische Beobachterin. Wohlstandsabfälle, urbane Verdichtung und die prekäre Situation von Frauen werden zu Motiven ihrer visuellen Gesellschaftsanalyse.

Annemirl Bauer, Liebespaar unter Giftwolke übern Taunus, 1987, Wasserfarbe auf Papier, Annemirl Bauer Archiv © VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Jens Ziehe
Dass Bauers Werk heute überhaupt in dieser Geschlossenheit gezeigt werden kann, ist nicht selbstverständlich. Eine große institutionelle Ausstellung blieb ihr zu Lebzeiten verwehrt. Einen wesentlichen Anteil an der Bewahrung ihres künstlerischen Nachlasses hat ihre Tochter Amrei Bauer, die das Werk zusammenhielt und als Nachlassverwalterin sowie Gründerin und Kuratorin des Annemirl Bauer Hauses in Brandenburg seine weitere Sichtbarkeit vorantrieb. Für die Ausstellung im MINSK wurden zahlreiche Werke zudem umfassend erforscht und restauriert.
So ist „Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt“ nicht nur eine längst überfällige kunsthistorische Wiederentdeckung. Die Ausstellung stellt auch die Frage, warum bestimmte Stimmen in der Kunstgeschichte lange überhört werden – und was geschieht, wenn sie Jahrzehnte später wieder sichtbar werden.
Bauers Werk braucht keine nachträgliche Aktualisierung. Es ist bereits aktuell. Ihr Blick auf patriarchale Strukturen, politische Manipulation, Umweltzerstörung, Freiheitsentzug und gesellschaftliche Verantwortung berührt Gegenwartsthemen, die uns noch immer beschäftigen. Ihre Kunst erinnert daran, dass Widerstand nicht immer laut beginnt. Manchmal beginnt er damit, genau hinzusehen. Etwas aufzuschreiben. Ein Bild zu malen. Und sich zu weigern, zu schweigen.
„Bruch ist in der Welt“ – der Titel beschreibt dabei nicht nur die Welt, die Annemirl Bauer vorfand. Er beschreibt auch ihre Kunst: eine Kunst, die Brüche sichtbar macht, sie nicht glättet und gerade darin ihre Freiheit findet.
5. September 2026 bis 7. Februar 2027
https://dasminsk.de

Annemirl Bauer, Emma gewidmet, 1979, Öl auf Leinwand, Annemirl Bauer Archiv © VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Jens Ziehe









