Die Nacht ist ein Zwischenraum. Sie lässt Vertrautes fremd erscheinen, verstärkt Ängste und Erinnerungen und öffnet zugleich den Blick für das Verborgene. Mit „NIGHT“ widmet die Neue Nationalgalerie Berlin dem italienischen Künstler Maurizio Cattelan (*1960 in Padua) seine erste große Einzelausstellung in Deutschland. Die Ausstellung entsteht im Rahmen des Preises der Nationalgalerie 2026, der Cattelan von einer internationalen Jury zugesprochen wurde. Vom 10. September 2026 bis zum 7. März 2027 verwandelt sich die ikonische Glashalle von Mies van der Rohe in einen Schauplatz, an dem Kunst, Architektur und Erinnerung auf besondere Weise miteinander in Dialog treten.
Der Preis der Nationalgalerie wurde im Jahr 2000 von den FREUNDEN der Nationalgalerie initiiert und hat sich seither zu einer der bedeutendsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst in Deutschland entwickelt. Mit dem Umzug der Ausstellung in die Neue Nationalgalerie beginnt 2026 eine neue Phase des Preises. Einer Künstlerin oder einem Künstler wird die Möglichkeit gegeben, eine konzentrierte und ambitionierte Ausstellung in einem der markantesten Museumsbauten der Moderne zu realisieren. Mit Maurizio Cattelan fällt die Wahl auf einen Künstler, der wie kaum ein anderer mit den Erwartungen seines Publikums spielt.
Seit den frühen 1990er-Jahren gehört Cattelan zu den prägendsten und zugleich umstrittensten Stimmen der internationalen Gegenwartskunst. Seine Werke sind oft auf den ersten Blick verblüffend einfach, entwickeln ihre Wirkung jedoch erst im Nachdenken über das Gesehene. Cattelan nimmt Bilder und Symbole auf, die tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind, und verschiebt ihre Bedeutung durch kleine, oftmals irritierende Eingriffe. Ironie und Provokation treffen dabei auf eine bemerkenswerte formale Präzision.
Seine Themen sind existenziell: Religion und Autorität, Kindheit und Gewalt, Identität und gesellschaftliche Macht, aber auch die Frage, wie Erinnerung funktioniert und welche Geschichten sich in das kollektive Bewusstsein eingeschrieben haben. Cattelan zwingt sein Publikum dabei nicht selten, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Das Lachen, das seine Arbeiten zunächst auslösen können, bleibt häufig im Hals stecken – und macht einer verstörenden oder nachdenklichen Erkenntnis Platz.

Maurizio Cattelan, 2026 © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Ivan Erofeev
„NIGHT“ versammelt zentrale Werke aus Cattelans Schaffen, darunter Novecento (1997), La Rivoluzione Siamo Noi (2000), Him (2001) und Untitled (2003), das von Günter Grass’ Roman Die Blechtrommel inspiriert ist. Gemeinsam entfalten die Arbeiten ein Panorama wiederkehrender Motive: die fragile Grenze zwischen Unschuld und Gewalt, die Konstruktion von Identität und die Frage nach der fortdauernden Präsenz historischer Erfahrungen.
Im Zentrum der Ausstellung steht eine neue ortsspezifische Installation, die Cattelan eigens für die Neue Nationalgalerie entwickelt. Dabei geht es nicht allein darum, zusätzliche Kunst in einen bestehenden Raum zu stellen. Vielmehr greift der Künstler behutsam in die räumliche Ordnung des Gebäudes ein und verändert damit die Art und Weise, wie Besucherinnen und Besucher Architektur und Kunst wahrnehmen. Der Museumsraum wird zum Bestandteil des Werkes – und das Publikum zu einem aktiven Teil dieser Erfahrung.
Gerade die Architektur von Mies van der Rohe macht „NIGHT“ zu einem besonderen Ausstellungsprojekt. Die transparente Glashalle, ihre strenge Geometrie und die Offenheit des Raumes bilden einen scheinbaren Gegensatz zu Cattelans oft emotional aufgeladenen Arbeiten. Doch gerade aus dieser Spannung entsteht ein besonderer Resonanzraum. Wo Mies Klarheit, Ordnung und Reduktion formuliert, bringt Cattelan Zweifel, Erinnerung, Ambivalenz und Irritation ins Spiel.
Dass diese Ausstellung in Berlin stattfindet, ist dabei mehr als eine geografische Setzung. Cattelan kehrt rund zwanzig Jahre nach seiner Mitwirkung an der 4. Berlin Biennale in die deutsche Hauptstadt zurück – und trifft auf einen Ort, an dem historische Erinnerung und gesellschaftliche Selbstverständigung eine besondere Bedeutung besitzen. Seine Arbeiten begegnen hier einem kulturellen Kontext, in dem Fragen nach Vergangenheit, Schuld, Identität und Repräsentation bis heute neu verhandelt werden.
„NIGHT“ verspricht deshalb keine Ausstellung, die sich einfach betrachten lässt. Sie fordert Aufmerksamkeit, lässt Gewissheiten brüchig werden und macht die Neue Nationalgalerie selbst zum Teil des Erlebnisses. Zwischen Licht und Dunkelheit, Vergangenheit und Gegenwart, Ironie und Ernst entsteht ein Raum, in dem Maurizio Cattelan seine vielleicht wichtigste Frage stellt: Wie verändert sich unser Blick, wenn das Vertraute plötzlich nicht mehr selbstverständlich erscheint?
Eröffnung: 9. September 2026 im Rahmen der Berlin Art Week
Ausstellung: 10. September 2026 bis 7. März 2027
www.smb.museum










