Ton, Erinnerung und die Spuren des Lebens: Mit der Ausstellung „Contemporary Craft: Kobina Adusah“ widmet das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) einem außergewöhnlichen Talent der internationalen Keramikkunst seine erste museale Einzelausstellung. Der 1999 im ghanaischen Sekondi geborene Künstler präsentiert eine neue Werkserie, in der archaisch anmutende Formen auf eine unverwechselbare, zeitgenössische Bildsprache treffen.

Aus erdgelassenem, meist unglasiertem Ton formt Adusah monumentale Gefäße, die weit über ihre ursprüngliche Funktion hinausweisen. Schicht für Schicht fügt er Tonplatten zusammen, biegt und modelliert das Material, bis aus einzelnen Elementen kraftvolle, organisch wirkende Volumen entstehen. Dabei versteht er seine Arbeit als einen Dialog mit dem Ton – einem Material, das für ihn nicht nur formbar ist, sondern auch Geschichten bewahrt. Als Teil der Erde wird es zum Träger von Berührung, Erfahrung und Erinnerung. Seine Gefäße erscheinen wie Behältnisse für das Unsichtbare: Sie nehmen gedanklich jene Spuren auf, die Menschen im Laufe ihres Lebens hinterlassen.
Besonders faszinierend sind die Oberflächen seiner Arbeiten. Ein dichtes Geflecht aus eingeritzten Zeichen überzieht die Gefäße und erinnert an eine unbekannte Schrift. Die Zeichen folgen einem eigenen Rhythmus und einer inneren Ordnung, ohne sich eindeutig entziffern zu lassen. Ihre Ursprünge liegen in einer persönlichen Kindheitserinnerung: Als Junge half Adusah seiner Mutter, die als Schneiderin arbeitete, beim Annähen von Knöpfen. Die wiederkehrenden Bewegungen des Nähens, ihre Ruhe und meditative Qualität, übersetzt er in eine eigenständige künstlerische Formensprache. Aus einer alltäglichen Geste entsteht so ein universelles Zeichen für Verbindung, Wiederholung und Erinnerung.

Kobina Adusah (* 1999), Chorus of Ancestors 2026, Foto: Penguins Egg Studio, Courtesy Gallery FUMI

Kobina Adusah (* 1999), Chorus of Ancestors 2026, Foto: Penguins Egg Studio, Courtesy Gallery FUMI

Auch die Inszenierung im MK&G greift diese geheimnisvolle Atmosphäre auf. Der Ausstellungsraum erscheint als eine Art Ausgrabungsstätte der Zukunft. Auf einem großflächigen, beleuchteten Labortisch sind zahlreiche Objekte versammelt, als wären sie Zeugnisse einer noch unbekannten Kultur. Filmsequenzen eröffnen Einblicke in Adusahs Atelier im ghanaischen Kumasi und machen den Entstehungsprozess seiner Arbeiten nachvollziehbar.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte der junge Künstler 2025 mit seiner Nominierung für den renommierten LOEWE FOUNDATION Craft Prize. Mit seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland setzt das MK&G nun ein deutliches Zeichen für die Vielfalt und Dynamik des zeitgenössischen Kunsthandwerks. Als fünfte Präsentation der 2022 gestarteten Reihe „Contemporary Craft“ erweitert die Ausstellung zugleich deren geografischen und kulturellen Horizont.
Kobina Adusahs Keramiken erzählen von Herkunft und Gegenwart, von materieller Präsenz und unsichtbaren Spuren. Sie laden dazu ein, genauer hinzusehen und sich auf das einzulassen, was sich nicht unmittelbar erklären lässt. Denn manchmal bewahrt die Erde mehr, als Worte auszudrücken vermögen.
27. November 2026 bis 25. April 2027
www.mkg-hamburg.de

Kobina Adusah (* 1999), The Canopic Chest, 2025, Foto: Penguins Egg Studio, Courtesy Gallery FUMI

Kobina Adusah (* 1999), The Canopic Chest, 2025, Foto: Penguins Egg Studio, Courtesy Gallery FUMI