Wie fühlt es sich an, die eigene Kindheit inmitten von Diktatur, Krieg und Besatzung zu verbringen? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt der Sonderausstellung „Kinder des Krieges. Aufwachsen zwischen 1938 und 1955” im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich. Bis 17. Januar 2027 haben Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, den Stimmen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu begegnen, die in einer Epoche erwachsen wurden, in der der Alltag von Entbehrungen, Verlust, Angst – und zugleich von kleinen Momenten der Hoffnung – geprägt war.
Der zeitliche Rahmen der Schau reicht von den letzten Monaten der Schuschnigg-Diktatur über den „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland 1938, durch die Jahre des Zweiten Weltkriegs bis zur alliierten Besatzungszeit, die erst 1955 endete. Besonders eindrücklich ist der Fokus auf die Perspektive von Kindern: Wie erlebten sie Bombennächte, Hunger und Flucht? Wie sah ihr Alltag in zerstörten Städten oder in der kargen Nachkriegszeit aus? Und wie war es, in den 1950er-Jahren erstmals so etwas wie Aufschwung und Normalität zu spüren?

Ausstellungsansicht „Kinder des Krieges” © NÖ Museum Betriebs GmbH, Weinfranz
Im Zentrum stehen die Erinnerungen von 24 Menschen, die eigens für das Projekt interviewt wurden – viele von ihnen sprechen erstmals öffentlich über ihre Erfahrungen. Ihre Erzählungen sind begleitet von persönlichen Objekten, die ein berührendes Bild jener Zeit zeichnen: ein zerfledderter Schulranzen, ein handgenähter Mantel, ein Fotoalbum mit Spuren des Krieges. Es sind kleine Dinge, die jedoch große Geschichten tragen.
„Wir möchten mit der Ausstellung nicht nur die Generation der Zeitzeugen ansprechen, sondern auch junge Menschen, für die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs bereits weit zurückliegen“, betont Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte. Genau darin liegt die besondere Relevanz: Das Aufwachsen im Krieg ist keine abstrakte Geschichtszahl, sondern ein menschliches Schicksal, das bis heute nachwirkt.
Die Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung erarbeitet. Dessen Leiterin Barbara Stelzl-Marx hebt hervor, wie stark die Kombination aus persönlichen Erinnerungen, Originalobjekten und multimedialen Installationen wirkt. Besucherinnen und Besucher erleben Geschichte nicht als starre Fakten, sondern als bewegende Lebensgeschichten.

Ausstellungsansicht „Kinder des Krieges” © NÖ Museum Betriebs GmbH, Weinfranz
Ein eindrucksvolles Pendant bildet die digitale Fotoausstellung KZ überlebt im Museumskino. Die Schwarz-Weiß-Portraits des Fotografen Stefan Hanke zeigen Überlebende nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager – Gesichter, die von unvorstellbarem Leid und zugleich von Würde und Widerstandskraft erzählen.
So verbindet Kinder des Krieges individuelle Biografien mit großen historischen Linien. Die Schau ist ein Appell, die Stimmen der Vergangenheit zu bewahren – und sie im Heute hörbar zu machen.
6. April 2025 bis 17. Januar 2027
www.museumnoe.at






