Der dänische Komponist Hans Abrahamsen, 1952 geboren, ist eine der faszinierendsten Stimmen der zeitgenössischen Musik. Mit einem Werk von magischer Klangpoesie und dramatischer Schönheit stellt ihn das Niedersächsische Staatsorchester in Hannover vor: „Let me tell you”, sieben Orchesterlieder für Sopran und Orchester, vom Londoner Guardian 2019 als Nummer Eins der klassischen Musik des 21. Jahrhunderts bewertet. Dafür kehrt die Sopranistin Nicole Chevalier nach Hannover zurück – langjähriges Ensemblemitglied und überwältigende Traviata der Staatsoper.

„Let me tell” you stellt Ophelia aus Shakspeares Hamlet auf die Konzertbühne, in einem großen Monodram für eine Sängerin. Hans Abrahamsen vertont Ophelias poetisch verdichtete Erinnerung, Naturerleben und Selbstreflexion einer jungen Frau, die am Ende – anders als im Drama – nicht ertrinkt, sondern im Schneegestöber ins Offene geht. Bei Shakespeare ist Ophelia ein leicht beeinflussbares Objekt der männlich dominierten Handlung. Nur 481 Worte spricht sie in dem fünfaktigen Drama um Sein oder Nicht-Sein und verfällt schließlich dem Wahnsinn. Aber der britische Autor Paul Griffiths hat in einem literarischen Kunstgriff aus diesem reduzierten Vokabular eine Novelle von über 100 Seiten konstruiert, die der Ophelia eine moderne Stimme gibt. Abrahamsen fasst Ophelias Stimme musikalisch in einem extremen Ausdrucksspektrum von gläsernen Höhen bis in zarte Tiefen, vor durchsichtig-lichten, schwebenden Klängen des groß besetzten Orchesterapparats.
Auch die skandinavische Musik vor Hans Abrahamsen ist geprägt von ganz eigenen Lichtstimmungen und Klangwelten. Das 7. Sinfoniekonzert taucht mit Zwei elegischen Melodien von Edvard Grieg in diese musikalische Landschaft ein: zwei Lieder ohne Worte für Streichorchester, „Herzwunden” und „Frühling”. Die zweite Konzerthälfte widmet sich dem noch immer verkannten großen Sinfoniker Dänemarks: Carl Nielsen. Mit dem Untertitel seiner 4. Sinfonie, Das Unauslöschliche, fasst Nielsen in einem Wort, was für ihn allein die Musik auszudrücken vermag: einen elementaren Lebenswillen. „Musik ist Leben, während die anderen Künste das Leben abbilden oder darüber schreiben.” In den ersten Jahren des Ersten Weltkriegs entstanden, ist das Werk ein Spiegel seine Zeit, mit perkussiven Ausbrüchen und elegischem Sehnen.
29. und 30. Mai 2022

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