Mit Jacques Offenbachs „Die Insel Tulipatan“ bringt das Stadttheater Gießen im November 2026 eine ebenso humorvolle wie überraschend aktuelle Operette auf die Bühne. In dem 1868 uraufgeführten Einakter verbindet Offenbach turbulente Verwicklungen mit Fragen nach Geschlechterrollen, Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Erwartungen.
Schauplatz ist die kleine Insel Tulipatan. Dort wächst Alexis als Sohn des Herzogs auf und soll eines Tages dessen Nachfolge antreten. Was Alexis allerdings nicht weiß: Bei der Geburt wurde das Kind als Mädchen geboren. Aus Sorge um die Thronfolge entschied seine Mutter kurzerhand, Alexis als Jungen aufwachsen zu lassen.
Ganz ähnlich, nur unter umgekehrten Vorzeichen, ergeht es Hermosa. Der Sohn des Hofbeamten Romboidal wird als Mädchen großgezogen, um ihm später den Militärdienst zu ersparen. So leben Alexis und Hermosa jahrelang mit Identitäten, die ihre Eltern für sie bestimmt haben – ohne selbst die Wahrheit über ihre Herkunft zu kennen.
Auf einer kleinen Insel lässt sich eine Begegnung der beiden kaum vermeiden. Als Alexis und Hermosa schließlich aufeinandertreffen, verlieben sie sich ineinander. Damit geraten nicht nur die sorgfältig gehüteten Geheimnisse ihrer Familien ins Wanken. Für die beiden jungen Menschen beginnt zugleich eine Entdeckungsreise zu sich selbst.
Jacques Offenbach schuf „Die Insel Tulipatan“ gemeinsam mit den Librettisten Henri Charles Chivot und Alfred Duru. Bei der Uraufführung 1868 am Théâtre des Bouffes-Parisiens sorgten die darin behandelten Vorstellungen von Geschlecht, Queerness und gleichgeschlechtlicher Ehe für erhebliches Aufsehen. Hinter dem für Offenbach typischen musikalischen Witz verbirgt sich damit ein subversives Spiel mit gesellschaftlichen Konventionen.
Gerade aus heutiger Perspektive erhält die Geschichte eine zusätzliche Ebene. Alexis und Hermosa müssen erkennen, dass wesentliche Entscheidungen über ihr Leben und ihre Identität von anderen Menschen getroffen wurden. Die Begegnung miteinander eröffnet ihnen schließlich die Möglichkeit, diese Zuschreibungen zu hinterfragen und ihren eigenen Weg zu finden.
Am Stadttheater Gießen übernimmt Vivien Hohnholz die Regie. Die musikalische Leitung liegt bei Antonio Losa, Bühne und Kostüme gestaltet Lukas Noll. Die Produktion entsteht als Koproduktion mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main und der Hessischen Theaterakademie.
So verbindet „Die Insel Tulipatan“ Offenbachs musikalische Leichtigkeit mit einem Stoff, dessen Fragen nach Identität, gesellschaftlichen Rollenbildern und dem Mut zur Selbstbestimmung mehr als 150 Jahre nach seiner Entstehung erstaunlich gegenwärtig wirken.
Premiere 20. November 2026
weitere Aufführung: 28. November 2026

