Es gibt Orte, die mehr bewahren als Dinge – sie bewahren Haltungen. Das Jüdische Museum Hohenems ist ein solcher Ort. In den Räumen der Villa Heimann-Rosenthal, zwischen Stuckdecken und Erinnerung, spricht die Vergangenheit leise und eindringlich zugleich. Hier riecht Geschichte nicht nach Staub, sondern nach Gegenwart.

Das Museum versteht sich als Gastgeber eines Gesprächs, das niemals endet – über Zugehörigkeit und Fremdheit, über Flucht, Migration, Identität und Verantwortung. Es ist kein stilles Archiv, sondern ein Resonanzraum. Seine Sammlung erzählt von einer kleinen Gemeinde und ihrer großen Welt: von Handel, Emanzipation, Zerstörung und Neubeginn. Wer hier eintritt, betritt nicht bloß eine Ausstellung, sondern eine Haltung: die Bereitschaft, sich den Widersprüchen zu stellen. Zwischen Erinnerung und Aufklärung, Ernst und Ironie, stellt das Museum Fragen, wo andere Antworten suchen. Es ist ein Haus des Denkens – und des Zuhörens. Ein Ort, an dem Geschichte nicht abgeschlossen, sondern verhandelbar bleibt. So steht Hohenems, nahe der Grenze und doch im Herzen Europas, als Symbol für das, was Erinnerung leisten kann: Verbindung statt Abgrenzung, Offenheit statt Gewissheit.

Sonderausstellung:
Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden
Ab dem 16. November 2025 lädt das Jüdische Museum Hohenems mit der neuen Sonderausstellung „Die Morgenländer“ zu einer faszinierenden Entdeckungsreise ein. Im Mittelpunkt stehen jene jüdischen Gelehrten des 19. Jahrhunderts, die sich dem „Morgenland“ zuwandten – nicht aus kolonialer Neugier, sondern aus einer tiefen Suche nach sich selbst. Sie erforschten arabische, islamische und orientalische Quellen – und fanden darin Spiegelungen der eigenen Kultur. Die frühen Orientwissenschaften waren mehr als nur akademische Disziplinen: Sie wurden zu einem Akt der Emanzipation. Wer das Fremde verstand, fand zugleich einen neuen, selbstbestimmten Blick auf das Eigene. Die Ausstellung zeigt, wie eng die Entwicklung der Islamwissenschaften, Arabistik und Orientalistik mit der Wissenschaft des Judentums verbunden war – mit Reform, Aufklärung und dem Ringen um Anerkennung in einer christlich geprägten Welt. Dabei eröffnet sich eine überraschende Perspektive: Der Islam und die arabische Welt erscheinen hier nicht als exotisches Gegenüber Europas, sondern als Mitgestalter einer gemeinsamen kulturellen Geschichte. „Die Morgenländer“ hinterfragt so nicht nur historische Vorurteile, sondern auch gegenwärtige Stereotypen und vereinfachte Gegensätze – zwischen „dem Westen“ und „dem Anderen“. Die Ausstellung lädt dazu ein, diese vergessenen Verbindungen neu zu entdecken – und die eigene Sicht auf Herkunft, Wissenschaft und kulturelle Begegnung zu überdenken.
16. November 2025 bis 4. Oktober 2026
www.jm-hohenems.at