Arbeit – sie strukturiert unser Leben, formt unsere Identität, sichert unsere Existenz. Doch was geschieht, wenn die vertrauten Gewissheiten ins Wanken geraten? Wenn Maschinen, Algorithmen und künstliche Intelligenz nicht nur unsere Tätigkeiten, sondern auch unsere Vorstellungen von Sinn und Selbst infrage stellen? Diese Fragen sind heute ebenso aktuell wie vor hundert Jahren – und genau hier setzt die große Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ im LVR-Landesmuseum Bonn an.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Gesellschaft einen fundamentalen Wandel: Elektrizität, Fließbandarbeit, Automatisierung – die industrielle Moderne veränderte das Verhältnis des Menschen zur Arbeit grundlegend. Kunst wurde zum Spiegel, manchmal auch zum Seismographen dieser Erschütterungen. Malerinnen und Maler, Bildhauerinnen und Fotografen beobachteten, kommentierten, beklagten oder feierten die Transformation. Sie hielten in Farbe, Form und Material fest, wie Maschinen zu Symbolen des Fortschritts und zugleich zu Sinnbildern der Entfremdung wurden.

Leo Breuer, Der Kohlenmann, 1931, LVR-Landesmuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Leo Breuer, Der Kohlenmann, 1931, LVR-Landesmuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

In sechs thematisch gegliederten Kapiteln zeichnet die Ausstellung die Brüche und Sehnsüchte einer Epoche nach, die zwischen Euphorie und Erschöpfung oszilliert. Ikonen der Neuen Sachlichkeit wie Leo Breuers monumentaler „Kohlenmann“ (1931) begegnen den expressiven Gestalten Otto Dix’ oder den sozialkritischen Visionen Conrad Felixmüllers. Hannah Höchs Collagen sezieren die Rollenbilder der Arbeitsgesellschaft, während Franz Wilhelm Seiwert in seinen klaren, geometrischen Figuren den Menschen als Teil einer neuen, technisierten Ordnung begreift.
Doch es sind nicht nur die bekannten Namen, die den Reiz dieser Schau ausmachen. Werke von Künstlerinnen wie Sella Hasse, Thea Warncke oder Magnus Zeller öffnen bislang kaum beachtete Perspektiven. Ihre Arbeiten geben der Arbeitswelt ein anderes Gesicht – eines, das die sozialen und emotionalen Dimensionen des Alltags betont, das Mühsal und Würde gleichermaßen sichtbar macht.

Hannah Höch, Mensch und Maschine, 1921, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Hannah Höch, Mensch und Maschine, 1921, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

„Schöne neue Arbeitswelt“ ist weit mehr als eine historische Rückschau. Die kuratorische Dramaturgie schlägt einen Bogen in die Gegenwart: zu Homeoffice, Künstlicher Intelligenz und der Diskussion um die Vier-Tage-Woche. In interaktiven Bereichen können Besucherinnen und Besucher ihre Vorstellungen einer zukünftigen Arbeitswelt reflektieren. Wie wollen wir morgen leben und arbeiten? Welche Träume, welche Traumata begleiten uns in die Zukunft?
Ergänzt wird die Ausstellung durch eine aktuelle Position: Die Künstlerin Gertrud Riethmüller, Trägerin des Rheinischen Kunstpreises 2024, zeigt in ihrer Installation „Tracing Labour“ eindrucksvoll, wie sich Spuren vergangener Arbeitswelten in unsere Gegenwart einschreiben. Mit Materialfragmenten, Geräuschen und Licht schafft sie Räume, in denen sich Vergangenheit und Zukunft berühren.
So wird das LVR-Landesmuseum Bonn zum Resonanzraum einer Frage, die nie an Brisanz verliert: Was bedeutet Arbeit – damals, heute, morgen? Zwischen Traum und Trauma entfaltet sich eine Erzählung, die zeigt, dass der Mensch stets mehr ist als das, was er tut.
13. November 2025 bis 12. April 2026
https://landesmuseum-bonn.lvr.de 

Conrad Felixmüller, Kind vor Hochofen, 1927, LVR-Landesmuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Conrad Felixmüller, Kind vor Hochofen, 1927, LVR-Landesmuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel © VG Bild-Kunst, Bonn 2025