Wenn Gemälde reisen, dann meist aus kuratorischen, kaum jedoch aus existenziellen Gründen. Die Ankunft der Meisterwerke aus Odesa in Heidelberg ist deshalb ein außergewöhnliches Ereignis – und ein sichtbares Zeichen dafür, wie eng Kunst und politisches Schicksal miteinander verwoben sind. Die Ausstellung, die nach der Station in der Berliner Gemäldegalerie nun im Kurpfälzischen Museum präsentiert wird, ist mehr als eine kunsthistorische Begegnung: Sie ist ein Akt der Solidarität und ein kulturelles Versprechen in bewegten Zeiten.

Die im Mai 2025 geschlossene Städtepartnerschaft zwischen Odesa und Heidelberg verleiht der Präsentation eine besondere Resonanz. Während in der südukrainischen Hafenstadt der Krieg den Alltag bestimmt, finden ihre wichtigsten Gemälde hier einen temporären sicheren Ort – und ein Publikum, das ihre Geschichte neu lesen kann. Die Ausstellung umfasst bedeutende Werke europäischer Malerei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, darunter Arbeiten von Roelant Savery, Cornelis de Heem und Alessandro Magnasco. Sie treten in Heidelberg in einen Dialog mit Sammlungsbeständen des Hauses und eröffnen so kunsthistorische und kulturpolitische Perspektiven zugleich.
Konkrete Paare aus Werken beider Museen verdeutlichen diese Verbindung besonders eindrücklich. Rund zehn solcher Gegenüberstellungen zeigen, wie eng verflochten die kunsthistorischen Entwicklungen Europas waren: Stillleben, denen dieselbe Faszination für Materialität innewohnt, mythologische und biblische Szenen, die über Ländergrenzen hinweg auf ähnliche Weise erzählt werden, oder Porträts, die gesellschaftliche Ideale ihrer Zeit spiegeln. Vor allem aber wird sichtbar, wie intensiv sich Künstler im 19. Jahrhundert mit Farbe und Licht auseinandersetzten – eine ästhetische Sprache, die bis heute als gemeinsame europäische Ausdrucksform fortbesteht.

Stillleben mit Hummer, Gemälde von Cornelis de Heem, 2. Hälfte 17. Jh., Eigentum des Odesa Museum für Westliche und Östliche Kunst; Foto: Christoph Schmidt (GG Berlin)Gemeinsamkeiten werden sichtbar 

Stillleben mit Hummer, Gemälde von Cornelis de Heem, 2. Hälfte 17. Jh., Eigentum des Odesa Museum für Westliche und Östliche Kunst; Foto: Christoph Schmidt (GG Berlin)
Gemeinsamkeiten werden sichtbar

Das Odesa Museum für Westliche und Östliche Kunst, 1923 gegründet und in einem Palais des 19. Jahrhunderts untergebracht, steht im Zentrum einer dramatischen Rettungsgeschichte. Nur wenige Meter entfernt von der teils zerstörten Verklärungskathedrale mussten die Bestände bereits kurz nach Kriegsbeginn in Sicherheit gebracht werden. Mitarbeitende verpackten innerhalb weniger Tage die wertvollsten Werke. Erst 2023 gelang der riskante Transport von 74 Gemälden nach Berlin, wo sie in enger Abstimmung mit ukrainischen Restaurator*innen geprüft, gereinigt und neu gerahmt wurden.
Dass diese Bilder nun in Heidelberg gezeigt werden können, ist nicht nur ein Glück für die Kunst, sondern ein Zeichen für die kulturelle Verantwortung Europas. Die Ausstellung erzählt damit zweierlei: die Geschichte einer Sammlung, die Kriege und Systeme überdauerte – und die Geschichte eines Kontinents, der seine Kunst als gemeinsames Erbe begreift.
19. Oktober 2925 bis 22. März 2026
www.museum-heidelberg.de

Sonniger Tag, Gemälde von Emile Claus, 1895; Eigentum des Odesa Museums für Westliche und Östliche Kunst / Foto: Christoph Schmidt (GG Berlin)

Sonniger Tag, Gemälde von Emile Claus, 1895; Eigentum des Odesa Museums für Westliche und Östliche Kunst / Foto: Christoph Schmidt (GG Berlin)