Im Frühling 2026 wird der Gropius Bau in Berlin zum Schauplatz einer der intensivsten künstlerischen Auseinandersetzungen mit Körper, Ritual und Erinnerung. Mit Balkan Erotic Epic. The Exhibition präsentiert die Performance-Ikone Marina Abramović ihr bisher persönlichstes und zugleich politisch aufgeladenes Werk – eine Reise in die Mythologien des Balkans und in die archaischen Energien menschlicher Existenz.
Abramović, die seit den 1970er-Jahren den Körper als künstlerisches Medium radikal neu definiert, verbindet in dieser Ausstellung historische Arbeiten mit aktuellen Video- und Bühneninstallationen. Im Zentrum steht ihr seit 2005 entwickelter Werkkomplex Balkan Erotic Epic, der sich mit Volksritualen, Erotik, Fruchtbarkeit und Tod auseinandersetzt. Inspiriert von südosteuropäischen Mythen zeigt Abramović den Körper nicht als individuelles, sondern als kollektives, fast kosmisches Werkzeug – als Speicher kultureller Erinnerung und als Widerstand gegen historische Vergessenheit.
Ein eindrucksvoller Auftakt der Ausstellung ist die Videoarbeit Tito’s Funeral (2025), die im frei zugänglichen Lichthof gezeigt wird. Hier verknüpft Abramović historische Bilder der Beerdigung von Josip Broz Tito mit traditionellen Trauerritualen Südosteuropas. Das rhythmische Klagen und das Schlagen der Trauernden erzeugen eine tranceartige Atmosphäre, in der politische Geschichte, kollektive Emotion und körperliche Erfahrung ineinanderfließen.

Marina Abramović, Balkan Baroque I, Performance, XLVII Biennale Venice, June, 1997 © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
In der Installation Kafana entsteht ein sozialer Erinnerungsraum. Die typische Balkan-Kneipe wird zum Symbol gesellschaftlicher Begegnung im sozialistischen Jugoslawien – ein Ort, an dem Gemeinschaft, Musik und politische Realität miteinander verschmelzen. Besucherinnen und Besucher können hier selbst Teil der Szene werden und in die Atmosphäre eines kulturellen Zwischenraums eintauchen.
Die Ausstellung gliedert sich in drei Kapitel: Der politische Körper, Erotik der Erde und Erotik und Tod. Besonders provokant ist die Videoarbeit Magic Potions (2025), in der Abramović mit ironischem Blick ethnografische Stereotype reflektiert. Archaische Fruchtbarkeitsrituale werden hier als poetische und zugleich satirische Kommentare zur westlichen Wahrnehmung des Balkans inszeniert. Damit hinterfragt die Künstlerin koloniale Blickstrukturen und rehabilitiert traditionelles, verkörpertes Wissen als kulturelle Ressource.
Ein weiterer Höhepunkt ist die Performance Nude with Skeleton (2002/2026), bei der der atmende Körper mit einem Skelett als Symbol für die enge Verbindung von Leben, Tod und Spiritualität interagiert. Diese Arbeit zeigt besonders deutlich Abramovićs zentrale künstlerische Haltung: Transformation durch Ausdauer, Körperlichkeit und spirituelle Konzentration. Mit Arbeiten wie Rhythm 5, Lips of Thomas und Spirit Cooking wird die Ausstellung als Rückblick auf ihr Gesamtwerk inszeniert. Dabei zeigt sich, wie konsequent Abramović Erotik als politische und spirituelle Energieform versteht – als Gegenmodell zu gesellschaftlicher Kontrolle und als Ausdruck individueller wie kollektiver Freiheit.
Balkan Erotic Epic. The Exhibition ist damit mehr als eine Retrospektive. Es ist ein performativer Raum über Erinnerung, Mythos und Zukunft – und eine eindringliche Einladung, den Körper wieder als kulturellen und politischen Resonanzraum zu begreifen.
15. April bis 23. August 2026
www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau

Marina Abramović, Nude with Skeleton, Performance für Video, Belgrade, 2002-2005 © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Attilio Maranzano











