Mit der Studioausstellung „Annette Barcelo. Heiße Hunde und stumme Schwestern“ widmet die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe im ZKM erstmals in Deutschland eine umfassende Präsentation der Schweizer Künstlerin (*1943), deren Werk seit den 1970er-Jahren eine eigenständige, konsequent entwickelte Bildsprache entfaltet. Barcelo ist bekannt für ihre kraftvollen Zeichnungen und Malereien auf Papier, in denen sich expressive Linienführung mit detailreichen, surreal aufgeladenen Figurenwelten verbindet.

Im Zentrum ihres Œuvres steht eine von Wiederholung und Variation geprägte Bildsprache, die ein ebenso eigenwilliges wie dichtes visuelles Universum entstehen lässt. Figuren aus der Tierwelt durchziehen ihre Arbeiten wie ein fortlaufendes Motivgeflecht. Diese Tiere sind keine bloßen Illustrationen, sondern Träger innerer Zustände: Sie verkörpern Wünsche, Ängste, Erinnerungen und Traumfragmente. In ihrer Vieldeutigkeit öffnen sie einen Raum zwischen persönlicher Mythologie und universellen Erzählmustern.
Barcelos Arbeiten bewegen sich bewusst an der Grenze zwischen Traum und Realität. Ihre Bildwelten sind weder rein narrativ noch vollständig abstrakt, sondern oszillieren zwischen psychologischer Verdichtung und spielerischer Überzeichnung. Dabei entfalten sie eine Spannung, die sich aus dem Nebeneinander von Humor und Abgründigkeit speist. Gerade diese Ambivalenz macht den besonderen Reiz ihres Werks aus: Das scheinbar Verspielte kippt ins Unheimliche, das Skurrile verweist auf existenzielle Erfahrungen.

„Annette Barcelo. Heiße Hunde und stumme Schwestern” © Annette Barcelo

„Annette Barcelo. Heiße Hunde und stumme Schwestern” © Annette Barcelo

Mit Bleistift, Tusche und Farbstift entwickelt Barcelo ein differenziertes zeichnerisches Vokabular, das sich über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich erweitert hat. Ihre Arbeiten sind nicht als abgeschlossene Bildfindungen zu verstehen, sondern als Teil eines offenen Prozesses, in dem Figuren, Motive und Strukturen immer wieder neu konfiguriert werden. Dabei greifen sie sowohl gesellschaftliche Themen als auch persönliche Erzählungen auf und verweben beide Ebenen zu komplexen Bildräumen.
Seit den 1970er-Jahren verfolgt die Künstlerin diesen unverwechselbaren Ansatz mit großer Konsequenz. Internationale Aufmerksamkeit erhielt ihr Werk unter anderem durch die Teilnahme an der Manifesta 2024 in Barcelona. Umso bedeutender ist die nun in Karlsruhe gezeigte Präsentation, die Barcelos Arbeiten erstmals in Deutschland in einer institutionellen Einzelausstellung sichtbar macht und aktuelle Werke auf Papier in den Fokus rückt.
Die Ausstellung versteht sich damit nicht nur als Überblick über ein bislang unterschätztes Œuvre, sondern auch als Einladung, Barcelos Bildwelten als eigenständige Form künstlerischer Welterschließung zu lesen. Ihre Zeichnungen eröffnen Räume, in denen das Unbewusste ebenso präsent ist wie das Beobachtete, das Persönliche ebenso wie das Gesellschaftliche.
So entsteht ein vielschichtiges Panorama zwischen Intimität und Überzeichnung, zwischen Kontrolle und Loslösung – ein Werk, das sich jeder eindeutigen Lesart entzieht und gerade darin seine Kraft entfaltet.
Die Studioausstellung ist in der Kunsthalle im ZKM zu sehen.
4. Juli bis 1. November 2026
www.kunsthalle-karlsruhe.de