Was wäre, wenn Lolita überlebt – und endlich selbst erzählt? Lea Ruckpauls Roman „Bye Bye Lolita“ gibt Dolores Haze ihre Stimme zurück und löst sie aus dem Blick ihres Täters. Nun kommt der Stoff als Uraufführung auf die Bühne des Cuvilliéstheaters. Nora Schlocker inszeniert einen feministischen Perspektivwechsel über Gewalt, Erinnerung und die Rückeroberung der eigenen Geschichte.
Sie war eines der berühmtesten Mädchen der Literatur – und zugleich eine der am gründlichsten missverstandenen Figuren. Als Vladimir Nabokovs „Lolita“ 1955 erschien, wurde der Roman zum Bestseller und zum Skandal. Zwischen Publikationsverbot, Pornografieverdacht und Bewunderung für Nabokovs sprachliche Virtuosität entstand ein Mythos, der bis heute fortwirkt. Im Zentrum dieses Mythos: Lolita. Doch Nabokov erzählt ihre Geschichte nicht aus ihrer Perspektive. Dolores Haze bleibt Objekt des Blicks ihres Stiefvaters Humbert Humbert – eines Mannes, der seinen Missbrauch sprachlich kunstvoll verschleiert und die Wahrnehmung der Leserinnen und Leser kontrolliert.
Lea Ruckpaul setzt diesem literarischen Erbe eine radikale Gegenbewegung entgegen. In ihrem 2024 erschienenen Debütroman „Bye Bye Lolita“ lässt sie Dolores überleben. Aus dem Mädchen ist eine erwachsene Frau geworden, Ende dreißig, die auf ihr Leben zurückblickt und versucht zu verstehen, wie sie zu der Frau geworden ist, die sie heute ist. Nicht als Projektionsfläche, nicht als „Lolita“, sondern als Mensch mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Wut und einem eigenen Willen.
Für diese Perspektive musste Ruckpaul eine neue Sprache finden. Dort, wo Nabokov Dolores’ Körper poetisiert und aus der Sicht des Täters beschreibt, setzt sie auf Klarheit und Härte. „Ich habe versucht, mich anzunähern an eine Sprache über Gewalt. Außerdem hat er Dolores keine Tiefe gegeben, weshalb ich eine Gegenbewegung geschaffen habe“, sagt die Autorin.
Diese Gegenbewegung ist mehr als eine literarische Korrektur. Sie stellt die Frage, wem eine Geschichte gehört – und wer darüber bestimmen darf, wie Gewalt erzählt wird. Dolores spricht über die Jahre des Missbrauchs, über die Abhängigkeit von einem Erwachsenen, über die zahllosen Motelzimmer einer Reise durch Amerika und über das Ringen um Macht und Zuneigung in einer Situation, in der sie als Kind vollkommen auf sich allein gestellt ist. Doch Ruckpaul verweigert ihrer Figur die Rolle des bloßen Opfers.
„Ich bin nicht tot. Ich bin durch alle Zeiten gereist. Ich will keine Zuwendung und ich will keine Wiedergutmachung. Ich will Autonomie.“
In diesem Satz verdichtet sich der Kern von „Bye Bye Lolita“. Es geht um die Rückeroberung der Deutungshoheit. Um eine Frau, die sich nicht länger über das definiert, was ihr angetan wurde, sondern über das, was sie selbst daraus macht.
Nun wird aus dem Roman Theater. Am Residenztheater München inszeniert Nora Schlocker die Uraufführung im Cuvilliéstheater. Für Schlocker und Ruckpaul ist es nicht die erste Zusammenarbeit: Bereits bei „Prima Facie“ begegneten sie sich in einem Stoff, der sich mit weiblicher Erfahrung, Gewalt und gesellschaftlichen Machtstrukturen auseinandersetzt. Auf der Bühne wird der Monolog zur unmittelbaren Konfrontation – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Selbstbehauptung.

Nora Schlocker © Residenztheater München
Dabei geht es auch um die Verantwortung von Kunst. „Wir müssen Geschichten erzählen, bis sie überwunden werden“, sagt Ruckpaul. Kunst könne gesellschaftlichen Schmerz bearbeiten, so ihre Überzeugung – manchmal leicht und humorvoll, manchmal unschön und schmerzhaft. Das Theater werde dabei zum gemeinsamen Raum: Künstlerinnen, Künstler und Publikum setzen sich miteinander einem Thema aus.
„Bye Bye Lolita“ ist deshalb kein nostalgischer Blick auf einen Literaturklassiker. Es ist ein Abschied von einem Bild, das sich tief in die Kulturgeschichte eingeschrieben hat: dem der verführerischen jungen Frau, die in Wahrheit ein Kind ist und deren Perspektive hinter der Erzählung eines erwachsenen Mannes verschwindet.
Lea Ruckpaul dreht diesen Blick um. Aus Lolita wird Dolores. Aus der Figur wird eine Erzählerin. Und aus einer Geschichte, die jahrzehntelang über sie erzählt wurde, wird endlich ihre eigene.
Uraufführung: 1. Oktober 2026
Folgetermine: 3. und 18. Oktober 2026
www.residenztheater.de

