Eine Sammlung wird neu entdeckt: Mit „Moderne Reloaded: Monet bis Mondrian – Bailly bis Baer“ präsentiert das Kunst Museum Winterthur | Beim Stadthaus seine Sammlung in einer konzentrierten Neuhängung. Vom 19. September bis 31. Dezember 2026 wird sichtbar, weshalb die überschaubar grosse Sammlung seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten ihrer Art in der Schweiz und darüber hinaus zählt.
Als das Museum am 2. Januar 1916 seine Türen öffnete, stand über dem Eingang „der Kunst und Wissenschaften“. Der Bau war Ausdruck eines ausgeprägten bürgerlichen Engagements und der Leidenschaft Winterthurer Sammlerinnen und Sammler, die sich mit bemerkenswerter Offenheit der Kunst ihrer Zeit zuwandten. Im selben Jahr erhielt die französische Moderne in Winterthur ihren ersten grossen Auftritt in der Schweiz. Was damals als mutiger Blick in die Zukunft begann, wurde zum Fundament einer Sammlung, die bis heute immer wieder neu auf die Gegenwart reagiert.
Nun bietet eine notwendige bauliche Erneuerung die Gelegenheit, diese Geschichte neu zu erzählen. Wandbespannungen und Lichtanlagen müssen erneuert werden – und aus der halbjährigen Schliessung entsteht ein kuratorischer Freiraum: Die Sammlung wird neu gedacht, neu geordnet und in einen Dialog gesetzt, der bekannte Meisterwerke ebenso in den Mittelpunkt rückt wie weniger bekannte Positionen.
Den Auftakt bilden Impressionismus und Postimpressionismus. Claude Monets Seerosen und Vincent van Goghs „Pöstler“ markieren den Übergang in eine Kunstwelt, in der die traditionelle Vorstellung von Bild und Wirklichkeit zunehmend ins Wanken gerät. Mit Kubismus, Surrealismus und konstruktiver Kunst setzt sich diese Befreiung des Sehens fort. Piet Mondrians streng gegliederte Rasterkompositionen treffen auf Paul Klees „Blühendes“, in dem sich konstruktive Ordnung und poetische Mehrdeutigkeit auf geheimnisvolle Weise verbinden.

Vincent van Gogh, Joseph Roulin, 1888, Kunst Museum Winterthur, Geschenk der Erben von Georg Reinhart, 1955
Doch „Moderne Reloaded“ erzählt keine lineare Geschichte der Avantgarde. Vielmehr eröffnet die Präsentation ein Geflecht von künstlerischen Positionen und persönlichen Handschriften. Alice Bailly, Sophie Taeuber-Arp, Meret Oppenheim, Verena Loewensberg und Maria Lassnig erweitern den Blick auf eine Moderne, die längst nicht mehr allein aus den bekannten Namen der Kunstgeschichte besteht. Ihre Werke machen sichtbar, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler auf gesellschaftliche Veränderungen, neue Wahrnehmungsformen und die Suche nach einer eigenen Bildsprache reagierten.
Mit Alberto Giacometti und Giorgio Morandi führt der Rundgang in die Nachkriegsmoderne. Ausgewählte Positionen der US-amerikanischen Kunst ergänzen das Panorama und öffnen die Sammlung zugleich über Europa hinaus. So wird die Winterthurer Sammlung nicht zu einem statischen Museum der Moderne, sondern zu einer lebendigen Geschichte künstlerischer Erneuerung.
Dabei ist jedes Werk auch Teil einer anderen Geschichte: jener Menschen, die es gesammelt, bewahrt und nach Winterthur gebracht haben. Namen wie Hedy und Arthur Hahnloser, Richard Bühler, Heinrich Wolfer sowie Clara und Emil Friedrich-Jezler stehen für eine Sammlerkultur, die ihrer Zeit voraus sein wollte. Sie kauften nicht nur Kunst – sie vertrauten auf Künstlerinnen und Künstler, deren Bedeutung sich vielfach erst später erschloss.
„Moderne Reloaded“ ist damit mehr als eine Neuhängung. Die Ausstellung macht erfahrbar, dass eine Sammlung immer auch ein Spiegel ihrer Zeit ist: Sie erzählt von künstlerischen Umbrüchen, von Mut und Offenheit, von persönlicher Leidenschaft und vom Vertrauen in die Zukunft. Und sie stellt eine Frage, die gerade heute nichts an Aktualität verloren hat: Welche Kunst wird unsere Gegenwart eines Tages als die Moderne von morgen erzählen?
19. September bis 31. Dezember 2026
www.kmw.ch

Piet Mondrian, Composition A, 1932, Kunst Museum Winterthur, Legat Dr. Emil und Clara Friedrich-Jezler, 1973















