Wind, Wasser, Weite: Die Nordseeküste ist seit jeher Projektionsfläche für Sehnsucht, Naturerfahrung und Erinnerung. Doch wie sieht die Küste aus, wenn man sie mit den Augen der Gegenwart betrachtet? Das Museum Kunst der Westküste auf Föhr richtet den Blick neu aus und präsentiert zeitgenössische Positionen aus der eigenen Sammlung. Fotografie und Videokunst treffen auf Fragen nach Identität, Geschichte und ökologischer Veränderung – und machen die Küste zu einem Ort aktueller gesellschaftlicher Auseinandersetzung.

Die Küste verändert sich ständig. Das Meer trägt Land ab, hinterlässt Spuren, verschiebt Grenzen. Der Wind formt Dünen und Landschaften, Menschen kommen und gehen. Was gestern vertraut erschien, kann morgen schon anders aussehen. Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität der Ausstellung „Neue Blicke“ im Museum Kunst der Westküste: Sie versteht die Küste nicht als statisches Landschaftsmotiv, sondern als einen Raum permanenter Veränderung.
Im Mittelpunkt stehen Werke aus dem in den vergangenen Jahren stark erweiterten Bestand internationaler zeitgenössischer Kunst. Die Auswahl versammelt unterschiedliche künstlerische Perspektiven auf den Nordseeraum und seine Lebenswelten. Einige der beteiligten Künstlerinnen und Künstler haben ihre Arbeiten unmittelbar auf Föhr entwickelt – als Artists-in-Residence, die sich vor Ort mit Landschaft, Menschen und den besonderen Bedingungen der Insel auseinandergesetzt haben. Andere betrachten die Nordsee aus der Distanz oder verbinden den Küstenraum mit größeren globalen Zusammenhängen.

Karoline Hjorth Riitta Ikonen, Eyes as big as Plates # Agnes II, 2011, Mkdw, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Karoline Hjorth Riitta Ikonen, Eyes as big as Plates # Agnes II, 2011, Mkdw, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

So entsteht kein einheitliches Bild der Küste, sondern ein vielstimmiges Panorama. Fotografie und Videokunst eröffnen dabei unterschiedliche Formen des Sehens: dokumentarisch und poetisch, beobachtend und inszeniert, unmittelbar und zugleich voller Fragen. Die Kamera wird zum Instrument, mit dem vertraute Landschaften neu vermessen werden.
Dabei geht es längst nicht mehr allein um die Schönheit von Meer und Horizont. Die zeitgenössischen Arbeiten erzählen von kultureller Identität, von Migration und Zugehörigkeit, von kolonialen Geschichten und deren Nachwirkungen. Sie fragen nach unserem Verhältnis zur Natur und machen ökologische Veränderungen sichtbar. Die Küste wird damit zum Brennglas für Entwicklungen, die weit über ihren geografischen Raum hinausreichen. Gerade der Blick von außen und innen macht die Ausstellung spannend. Wer an der Westküste lebt oder sie als Urlaubsort kennt, verbindet mit ihr bestimmte Bilder: Strand, Dünen, Schiffe, Möwen, endlose Horizonte. Die ausgestellten Arbeiten lösen diese vertrauten Vorstellungen auf, erweitern sie oder stellen sie bewusst infrage. Sie zeigen, dass Landschaft immer auch eine Frage der Perspektive ist.
Unter den vertretenen Positionen finden sich Nicole Ahland, Per Bak Jensen, Joakim Eskildsen, Rune Guneriussen, Peter Hamel, Nan Hoover, Karoline Hjorth & Riitta Ikonen, Anja Jensen, Andreas Jorns, Ellen Kooi, Yinka Shonibare, Trine Søndergaard, Mila Teshaieva und Thomas Wrede. Ihre unterschiedlichen künstlerischen Handschriften machen sichtbar, wie vielfältig die zeitgenössische Auseinandersetzung mit Küste und Landschaft sein kann.
Das Museum Kunst der Westküste hat sich mit seinem anspruchsvollen Ausstellungsprogramm in kurzer Zeit zu einem kulturellen Anziehungspunkt mit internationaler Ausstrahlung entwickelt. „Neue Blicke“ führt diese Ausrichtung konsequent weiter: Die eigene Sammlung wird nicht als abgeschlossenes Archiv präsentiert, sondern als lebendiger Bestand, der immer wieder neue Verbindungen und Perspektiven ermöglicht. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass eine Küste niemals nur Landschaft ist. Sie ist Grenze und Übergang, Lebensraum und Erinnerungsort, Natur und Kultur. Vor allem aber ist sie in Bewegung. Und mit ihr verändert sich auch unser Blick.
27. September 2026 bis 12. September 2027
www.mkdw.de 

Ellen Kooi, Wijk Aan Zee – Kazemat, 2023, © Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Ellen Kooi, Wijk Aan Zee – Kazemat, 2023, © Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2026