Was wäre die Geschichte des Menschen ohne Tiere? Sie beginnt nicht erst im Museum, sondern lange davor: in Höhlen, in denen Bisons und Pferde an die Wände gemalt wurden, in Mythen und religiösen Erzählungen, in denen Tiere zu Göttern, Begleitern oder Dämonen wurden. Tiere ernähren uns, helfen uns bei der Arbeit, begleiten uns als Haustiere – und sind zugleich Projektionsflächen für unsere Ängste, Sehnsüchte und Vorstellungen von Natur. Kaum eine Beziehung hat unsere Kulturgeschichte so nachhaltig geprägt wie jene zwischen Mensch und Tier. Mit der Ausstellung „tierisch menschlich“ richtet das Dom Museum Wien den Blick auf dieses vielschichtige Verhältnis.
Vom 2. Oktober 2026 bis 22. August 2027 versammelt die Schau Werke vom Mittelalter bis in die Gegenwart und fragt dabei weniger danach, was Tiere „sind“, als danach, was wir in ihnen sehen – und was das über uns selbst verrät. Denn unser Blick auf Tiere ist niemals neutral. Vorstellungen davon, was menschlich und was tierisch ist, verändern sich mit Gesellschaft, Religion, Wissenschaft und kulturellen Weltbildern. Tiere können als Sinnbilder für Stärke, Klugheit oder Wildheit erscheinen, als göttliche Wesen oder als Bedrohung. Sie werden verehrt und gefürchtet, geliebt und ausgebeutet. Heute leben viele von uns mit Tieren unter einem Dach und empfinden eine enge emotionale Verbundenheit – während andere Tiere in industriellen Systemen gehalten, erforscht oder wirtschaftlich genutzt werden. Die Widersprüche dieses Verhältnisses sind kaum zu übersehen.

Norbertine Bresslern-Roth, Mops, 1926. Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary, Norbertine Bresslern-Roth, Mops, 1926 © Bildrecht, Wien 2026, Foto: L. Deinhardstein
„tierisch menschlich“ macht diese Spannungen sichtbar, ohne einfache Antworten vorzugeben. Die Ausstellung erzählt keine chronologische Geschichte, sondern nähert sich ihrem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven: politisch, sozial, religiös und ästhetisch. Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie, Video und Installation treten miteinander in Dialog. Historische Werke aus den Beständen des Museums begegnen Arbeiten aus der Sammlung Otto Mauer Contemporary sowie hochkarätigen Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen.
Besonders spannend sind jene Arbeiten, die den Blick aus dem Museum hinaus in die unmittelbare Gegenwart führen. Für die Ausstellung hat Werner Feiersinger Wien durchstreift und Tierdarstellungen im öffentlichen Raum fotografisch dokumentiert. Seine Arbeit macht auf etwas aufmerksam, das wir täglich sehen und doch kaum wahrnehmen: Hunderte Tiere bevölkern die Stadt – als Skulpturen, Reliefs und architektonische Ornamente. Sie erzählen von Macht, Erinnerung und Symbolik und schlagen zugleich eine Brücke zwischen dem historischen Museum und dem urbanen Alltag.

Guadalupe Salgado, Tlacuache, 2024. Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary, Courtesy of the artist and The Flat-Massimo Carasi Gallery, Milan, Foto: L. Deinhardstein
Auch Konstanze Stoiber entwickelt eigens für die Ausstellung eine raumgreifende Installation mit Bezug zum Stephansdom. Ausgangspunkt sind Vogeldarstellungen und Vogelsymboliken, die sie in malerische Strukturen und atmosphärische Bildräume übersetzt. Ein japanischer „Uguisubari“, ein sogenannter Nachtigallenboden, erweitert dieses Erlebnis um eine überraschende akustische Dimension: Beim Betreten beginnt der Boden zu „zwitschern“. Die Vögel selbst bleiben unsichtbar – und gerade dadurch wird ihre Anwesenheit umso eindringlicher.
Mit „Perikularium II“ (2026) lenkt Alexandra Kontriner den Blick schließlich auf jene Tiere, die besonders leicht übersehen werden. Ihre Serie aus 15 präzisen Zeichnungen zeigt Insektenarten, die in Österreich vom Aussterben bedroht sind. Die zarten Arbeiten geben Lebewesen ein Gesicht, deren Verschwinden weitreichende Folgen für ganze Ökosysteme hätte.
So führt „tierisch menschlich“ von großen Fragen zu kleinen Begegnungen und wieder zurück: Was bedeutet es, ein Tier anzusehen? Wo beginnt unsere Verantwortung? Und wie verändert sich unser Verhältnis zu anderen Lebewesen, wenn wir sie nicht länger nur als Spiegel menschlicher Eigenschaften betrachten?
2. Oktober 2026 bis 22. August 2027

Graciela Iturbide, Nuestra Señora de las Iguanas (Our Lady of the Iguanas), Juchitán, Oaxaca, 1979. Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary, Courtesy of the artist, Foto: L. Deinhardstein






