Abschied, Vergänglichkeit und das fragile Gleichgewicht zwischen Lebenslust und Melancholie prägen diesen Konzertabend im Großen Saal. Die NDR Radiophilharmonie verbindet zwei Schlüsselwerke der Musikgeschichte zu einem Programm von großer emotionaler und formaler Tiefe.
Joseph Haydns Abschiedssinfonie fis-Moll Nr. 45 gilt als eines der ungewöhnlichsten Werke der Klassik. Mit ihr überschritt Haydn bewusst die Grenzen konventioneller Sinfonik: Das legendäre Finale, in dem ein Musiker nach dem anderen seine Kerze löscht und die Bühne verlässt, wurde früh zum Sinnbild eines stillen Protests und zugleich zu einer poetischen Geste des Abschieds. Weit über diese Anekdote hinaus besticht die Sinfonie durch ihre expressive Tonsprache und ihren kühnen formalen Aufbau, der Haydns Innovationsgeist eindrucksvoll sichtbar macht.
Den zweiten Teil des Abends bildet Gustav Mahlers Das Lied von der Erde, ein sinfonischer Liederzyklus von existenzieller Wucht. Auf der Grundlage frei nachgedichteter chinesischer Lyrik von Hans Bethge entfaltet Mahler ein Werk, in dem fernöstliche Bildwelten mit zutiefst persönlicher Todesnähe verschmelzen. Lebensbejahende Trinklieder stehen unvermittelt neben resignativer Melancholie, Hoffnung neben Abschied. Mahler gestaltet hier ein musikalisches Vermächtnis, das zwischen Intimität und orchestralem Monument schwebt – ein letztes großes Bekenntnis eines Komponisten im Bewusstsein der Endlichkeit.
Als Solisten verleihen Matthias Goerne und Andrew Staples diesem Werk besondere Ausdruckskraft. Mit ihrer stimmlichen Präsenz und interpretatorischen Tiefe gestalten sie die gegensätzlichen emotionalen Welten des Zyklus. Die musikalische Leitung liegt bei Stanislav Kochanovsky, der die Spannungsbögen zwischen klassischer Formstrenge und spätromantischer Klangfülle präzise auslotet. So entsteht ein Konzertabend, der Abschied nicht nur thematisiert, sondern musikalisch erfahrbar macht – still, überwältigend und von zeitloser Intensität.
5. Juni 2026





