Sie hat alles gesehen. Kriege, Gewalt, Zerstörung. Die Gesichter der Menschen, die zurückbleiben, wenn eine Welt in Trümmern liegt. Als Kriegsfotografin reist sie dorthin, wo andere fliehen. Sie sucht die Bilder des Grauens – und scheint dem Schrecken dabei immer einen Schritt voraus zu sein. Unverwundbar, solange sie hinter der Kamera steht.

In „Die Seherin“ erzählt Milo Rau von einer Frau, die ihr Leben damit verbracht hat, das Leid anderer sichtbar zu machen – und nun selbst erfahren muss, was es bedeutet, Opfer von Gewalt zu werden. Ursina Lardi verkörpert diese gefeierte Kriegsfotografin, die sich nach und nach in eine verbitterte Kassandra verwandelt: eine Frau, die sieht, was andere nicht sehen wollen, und verzweifelt gegen die Blindheit ihrer Zeit ankämpft.
Was bedeutet es, immer hinzusehen? Und was geschieht mit einem Menschen, der irgendwann zu viel gesehen hat?

Die Seherin, Foto: Nurith Wagner-Strauss, 2025

Die Seherin, Foto: Nurith Wagner-Strauss, 2025

Milo Rau verbindet in seiner neuen Arbeit dokumentarisches Material mit antiken Mythen und persönlichen Erfahrungen. Grundlage sind Lebensgeschichten von Kriegsfotografinnen und Kriegsfotografen ebenso wie von Menschen aus dem Irak. Auch eine Begegnung Raus mit dem Lehrer Azad Hassan in Mossul fließt in das Stück ein. Während der Besetzung der Stadt durch den sogenannten Islamischen Staat wurde Hassan als Strafe eine Hand abgetrennt.
Aus solchen realen Erfahrungen entwickelt Rau ein Theater über Zeugenschaft und Verantwortung. Inspiriert von Sophokles’ Philoktet, der nach einer schweren Verletzung alles verliert und aus der Gesellschaft verbannt wird, richtet sich der Blick auf die Verletzlichkeit des Menschen – und auf die Zerbrechlichkeit jener Gewissheiten, von denen wir glauben, dass sie unsere Welt zusammenhalten.
Dabei stellt „Die Seherin“ Fragen, die weit über das Theater hinausreichen. Warum fasziniert uns Gewalt?
Was bleibt von einer vertrauten Welt, wenn Krieg und Terror sie zerstören? Was bedeutet es, das Leid anderer Menschen zu betrachten – und möglicherweise sogar davon zu profitieren? Wo beginnt Verantwortung, wo endet sie? Und welche Rolle kann Kunst überhaupt übernehmen, wenn die Wirklichkeit unerträglich wird?
Gerade die Figur der Fotografin macht diese Fragen besonders eindringlich. Denn das Bild vom Krieg ist längst Teil unserer täglichen Wahrnehmung. Wir sehen Zerstörung auf Bildschirmen, in Zeitungen und sozialen Medien. Wir können innerhalb weniger Sekunden Zeugen eines Geschehens werden, das tausende Kilometer entfernt stattfindet. Doch was bedeutet dieses Sehen tatsächlich?

Die Seherin, Foto: Armin Smailovic, 2025

Die Seherin, Foto: Armin Smailovic, 2025

Kann ein Bild etwas verändern? Kann Kunst Leid lindern? Oder besteht ihre Aufgabe zunächst darin, die Augen offen zu halten, wenn Wegsehen einfacher wäre?
Milo Rau gehört zu den Regisseuren, die Theater immer wieder mit der Realität konfrontieren. Der 1977 in Bern geborene Autor und Regisseur war von 2018 bis 2024 Künstlerischer Leiter des NTGent und ist heute Intendant der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien. Seine Arbeiten wurden unter anderem zum Berliner Theatertreffen, zum Festival d’Avignon, zur Biennale di Venezia und zu den Wiener Festwochen eingeladen.
An der Schaubühne ist „Die Seherin“ bereits seine vierte Produktion nach „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“, „LENIN“ und „Everywoman“.
Mit Ursina Lardi steht dabei eine Schauspielerin im Mittelpunkt, deren Figur zwischen Beobachterin und Betroffener, zwischen Stärke und Verletzlichkeit, zwischen Wissen und Verzweiflung immer stärker ins Wanken gerät.
Premiere: 12. Oktober 2026
Weitere Termine: 13. und 14. Oktober sowie 24., 25. und 26. November 2026
www.schaubuehne.de