Die Rückkehr der Orangerie als Ort der Kunst. 

Seit die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe ihr Hauptgebäude am Friedrichsplatz für die umfassende Sanierung geschlossen hat, zeigt sie an verschiedenen Orten, wie sich Geschichte und Gegenwart produktiv verschränken können. Im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien begegnen sich in der großen Sammlungspräsentation See You auf rund 2.000 Quadratmetern fast 500 Werke vom Spätmittelalter bis zur Nachkriegsmoderne. Alte und neue Medien, Malerei und Skulptur, Farbe und Form treten dort in einen lebhaften Dialog – eine Einladung zum Sehen, Wahrnehmen und Staunen. Parallel dazu widmet sich die Junge Kunsthalle weiterhin der Vermittlung mit künstlerischer Leichtigkeit und inhaltlicher Tiefe. Bis 1. März 2026 lädt die Ausstellung Pettersson, Findus & Co. Kinder, Jugendliche und Familien in die fantasievolle Welt des schwedischen Illustrators Sven Nordqvist ein. Originalzeichnungen, Skizzen und Vorarbeiten lassen den kreativen Prozess sichtbar werden – und in der Werkstatt können jungen Besucherinnen und Besucher selbst zu Erzählerinnen und Gestaltern werden.

Helmut Wimmer, The Last Day, 2018 © Helmut Wimmer

Archistories. Architektur in der Kunst: Helmut Wimmer, The Last Day, 2018 © Helmut Wimmer

Der Neubeginn steht im Botanischen Garten: Die Orangerie – jener klassizistische Bau von Heinrich Hübsch, einst als Gewächshaus und Festsaal konzipiert – öffnet nach mehrjähriger Schließzeit wieder ihre Türen. Mit ihr erwacht ein geschichtsträchtiger Ort zu neuem Leben, der seit seiner Eröffnung 1857 schon vieles war: Hort exotischer Pflanzen, Bühne gesellschaftlicher Begegnungen, später Ort moderner Kunst. Nun wird er zum Labor für die Zukunft.
Den Auftakt bildet die große Sonderausstellung Archistories. Architektur in der Kunst, die sich einem Thema widmet, das Künstlerinnen und Künstler seit Jahrhunderten inspiriert: dem gebauten Raum. Vom 29. November 2025 bis zum 12. April 2026 werden rund hundert Werke von siebzig Künstlerinnen und Künstlern aus fünf Jahrhunderten präsentiert. Sie alle eint ein zentrales Thema: die Auseinandersetzung mit gebautem Raum und seinen sozialen, ästhetischen und utopischen Dimensionen. Architektur wird hier nicht als reine Baukunst verstanden, sondern als Spiegel menschlicher Existenz – als Ausdruck von Ordnung, Macht, Hoffnung und Wandel.
Mal sind es stille Stadtansichten, mal utopische Konstruktionen, mal poetische Fragmente aus Linien und Flächen: Die Ausstellung entfaltet ein breites Panorama der künstlerischen Annäherung an Architektur. Historische Werke der Sammlung – Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen – treten in Dialog mit zeitgenössischen Positionen aus Fotografie, Video und Installation. So entstehen Brücken zwischen Jahrhunderten, zwischen Konzept und Emotion, zwischen Raum und Bild.

Robert Delaunay, Der Eiffel-Turm, 1909-1911, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Archistories. Architektur in der Kunst: Robert Delaunay, Der Eiffel-Turm, 1909-1911, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Archistories erzählt von der Sehnsucht des Menschen nach Struktur und Heimat, aber auch von der Lust an der Dekonstruktion, am freien Denken über Raum. Werke aus dem 17. Jahrhundert begegnen hier visionären Architekturen der Gegenwart, die Fragen nach Nachhaltigkeit, Machtstrukturen oder digitaler Simulation aufwerfen. Immer wieder öffnet sich der Blick auf das Verhältnis von Natur und Kultur – auf das, was gebaut und zugleich wieder dem Verfall preisgegeben ist.
Die Schau versteht sich nicht als kunsthistorische Abhandlung, sondern als sinnlich-intellektuelles Erlebnis. Die Besucherinnen und Besucher sollen nicht nur sehen, sondern denken und spüren, wie Kunst und Architektur einander bedingen. Dass diese vielstimmige Reflexion ausgerechnet in der Orangerie stattfindet – einem Ort, der selbst ein Denkmal für die Verbindung von Natur, Technik und Repräsentation ist – verleiht der Ausstellung zusätzliche Tiefe.
Mit Archistories öffnet die Kunsthalle Karlsruhe ein neues Kapitel ihrer Geschichte. Die Orangerie wird damit zum architektonischen und symbolischen Zwischenraum – ein Übergangsort zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Baukunst und Bildwelt, zwischen Vision und Wirklichkeit.
29. November 2025 bis 12. April 2026
www.kunsthalle-karlsruhe.de

Rebecco Ann Tess, The Tallest Filmstill, 2014, Courtesy the artist and Philipp von Rosen Galerie

Archistories. Architektur in der Kunst: Rebecco Ann Tess, The Tallest Filmstill, 2014, Courtesy the artist and Philipp von Rosen Galerie