Mit Nature Never Loses widmet das Museum Tinguely einem der eigenwilligsten und zugleich visionärsten Akteure der amerikanischen Kunstszene eine umfassende Retrospektive. Carl Cheng, 1942 in San Francisco geboren und seit den 1960er-Jahren in Santa Monica tätig, gehört zu den Pionieren eines künstlerischen Denkens, das Technologie, Natur, gesellschaftliche Umbrüche und humorvolle Kritik miteinander verwebt. Seine Werke, die erstmals in dieser Breite in Europa zu sehen sind, erzählen von einem Jahrzehnte langen Ringen mit den Auswirkungen menschlichen Handelns – und der unbezwingbaren Kraft der Natur.
Chengs künstlerische Entwicklung begann in einer Atmosphäre politischer Unruhen, des Wettrennens in Luft- und Raumfahrt sowie einer jungen Kunstszene, die unerschrocken über Disziplinen hinweg experimentierte. Früh erforschte er die Grenzen von Skulptur und Fotografie und entwickelte Maschinen, Werkzeuge und „künstliche Ökosysteme“, die Naturphänomene sichtbar machen – oder sie simulieren. Seine sogenannten Art Tools produzieren flüchtige Spuren, Bilder oder Strukturen, die sich in Echtzeit verändern. Sie sind keine Geräte im technischen Sinn, sondern Denkmodelle: Maschinen, die zeigen, wie Natur funktioniert, und was geschieht, wenn der Mensch versucht, sie zu steuern.

Carl Cheng, California Bonsai Laboratory, 1966-1990, Fotografische Dokumentation Copyright: © Carl Cheng
Zu Chengs spektakulärsten Interventionen gehört das Santa Monica Art Tool (1983–1988). Mit dem Traktor über den Strand gezogen, hinterließ es im Sand eine dreidimensionale Miniatur-Stadtlandschaft, die er ironisch Walk on LA nannte. Solche Arbeiten verbindet eine tiefe Faszination für Formkräfte der Natur – und die Gewissheit, dass menschliche Eingriffe nur temporär wirken. Der nächste Windstoß, die nächste Welle wird die Spuren verwischen. Genau darin sah Cheng eine Wahrheit, die ihn zeitlebens begleitete: Die Natur verliert nie.
Ab 1966 führte er sein Atelier unter dem ironischen Namen John Doe Co. – ein Kommentar zur Kommerzialisierung der Kunst und zu gesellschaftlichen Zuschreibungen, die ihn als asiatisch-amerikanischen Künstler im Klima des Vietnamkriegs prägten. Unter dieser „Firma“ produzierte er Objekte, die wie Konsumprodukte anmuteten, dabei aber technologische Utopien und ökonomische Systeme parodierten. Immer stand im Zentrum die Frage: Was bedeutet Fortschritt – und für wen?
Im Museum Tinguely entfaltet sich Chengs Werk nun als vielstimmige Landschaft aus Maschinen, Materialien und poetischen Beobachtungen. Trotz aller Kritik, trotz aller Warnungen schwingt darin stets eine leise Hoffnung: Die Natur bleibt, sie regeneriert sich, sie antwortet – und manchmal lacht sie sogar zurück.
3. Dezember 2025 bis 10. Mai 2026
www.tinguely.ch

Carl Cheng, Documentation of Carl Cheng’s Santa Monica Art Tool and its installation Walk on LA, 1988, Santa Monica State Beach Copyright: © Carl Cheng















