Als Kunstmäzen Dr. Alfons N. Knauf in den 1960er-Jahren begann, das barocke Amtshaus von 1688 in ein Museum zu verwandeln, folgte er einer Vision: Weltkunst durch meisterhafte Gipsreliefs in Franken erlebbar zu machen. Heute präsentiert das Knauf-Museum in einer Dauerausstellung über 200 Abgüsse großer Kulturen – ein imaginäres Weltmuseum unter einem Dach, das jährlich durch außergewöhnliche Sonderausstellungen erweitert wird. 2026 widmet sich das Haus einem Thema, das Modegeschichte, soziale Rollenbilder und kulturelle Symbolik verbindet: der Handtasche.

Rote Lippen Handtasche, 1994, Lulu Guinness, Acryl, Foto: Benedikt Feser, Knauf-Museum Iphofen

Rote Lippen Handtasche, 1994, Lulu Guinness, Acryl, Foto: Benedikt Feser, Knauf-Museum Iphofen

Handtaschen begleiten den Alltag seit über hundert Jahren – und kaum ein Objekt spiegelt stilistische und gesellschaftliche Entwicklungen so präzise wider. Um 1900 noch neu und vor allem praktisch gedacht, wurden sie durch Industrialisierung und wachsende Mobilität rasch unverzichtbar. In ihnen verdichtete sich nicht nur das Persönliche, sondern auch die Selbstständigkeit der Frauen im öffentlichen Raum. In den 1920er-Jahren, geprägt von Modernität und gesellschaftlichem Aufbruch, etablierten sich vielfältige Formen und Materialien. Hersteller wie Louis Vuitton verbanden erstmals Funktionalität mit luxuriöser Statussymbolik.
Die 1950er und 1960er Jahre brachten Designs hervor, die bis heute Maßstäbe setzen. Die Kelly Bag von Hermès oder Chanels 2.55 mit ihrem ikonischen Kettenriemen wurden zu Sinnbildern einer neuen Eleganz – und zu Markenzeichen eines aufkommenden Luxusbewusstseins.

Twiggy Bag, 1967, Mattel Kunststoff, Foto: Benedikt Feser, Knauf-Museum Iphofen

Twiggy Bag, 1967, Mattel Kunststoff, Foto: Benedikt Feser, Knauf-Museum Iphofen

In den folgenden Jahrzehnten explodierte die Vielfalt: Die 1970er und 1980er spielten mit Farben, Formen und opulenten Materialien; italienische Marken wie Gucci, Fendi und Prada prägten die Mode, während in den USA Judith Leiber funkelnde Abendtaschen als kleine Kunstwerke schuf. Deutsche Häuser wie Goldpfeil oder Comtesse fanden international Anerkennung.
Mit der Jahrtausendwende begann eine Renaissance klassischer Modelle, die seither in limitierten Editionen neu interpretiert werden. Heute steht die Handtasche zugleich für Identität, Handwerk und Innovation – und längst tragen auch Männer sie selbstbewusst als modisches Statement.
Die Sonderausstellung TRAG MICH! Handtaschen aus 100 Jahren erzählt diese facettenreiche Geschichte anhand ausgewählter Originale, ikonischer Entwürfe und überraschender Trendstücke. Sie macht sichtbar, wie ein alltägliches Objekt zum Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen wird – und wie jede Tasche, ob elegant, exzentrisch oder minimalistisch, ein Stück gelebter Kultur trägt.
22. März bis 8. November 2026

Publikation:
Zur Ausstellung „TRAG MICH! Handtaschen aus 100 Jahren“ erscheint ein umfangreicher Begleitband im Verlag Nünnerich-Asmus/Oppenheim ISBN 978-3-96176-346-7. Dieser ist an der Museumskasse und im Buchhandel erhältlich.
www.knauf-museum.de


Handtasche „Lady Dior“, 1995, Gianfranco Ferrè, Leder, geprägt, Foto: Benedikt Feser, Knauf-Museum Iphofen

Handtasche „Lady Dior“, 1995, Gianfranco Ferrè, Leder, geprägt, Foto: Benedikt Feser, Knauf-Museum Iphofen