Es gibt ein Feuer, das man sehen kann – und eines, das im Verborgenen brennt. Ein Feuer, das sich nicht in Flammen zeigt, sondern in der Entschlossenheit, sich einer Macht entgegenzustellen, die Unrecht schafft. „Le feu intérieur“, die Ausstellung des französischen Künstlers Nicolas Daubanes in der Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, widmet sich genau diesem inneren Feuer: dem Mut zum Widerstand, zur Verweigerung und zum Ungehorsam.
Vom 26. September 2026 bis 10. Jänner 2027 präsentiert die Kunsthalle das Werk des 1983 geborenen Künstlers, der sich in großformatigen Wandzeichnungen und raumgreifenden Installationen mit Machtstrukturen und den Strategien ihrer Überwindung auseinandersetzt. Seine Kunst entsteht dabei häufig aus intensiven historischen Recherchen. Im Mittelpunkt stehen reale Ereignisse und Schicksale – und die Frage, wie Menschen unter Bedingungen von Unterdrückung und Gewalt ihre Handlungsmacht bewahren oder zurückgewinnen können.
Daubanes interessiert sich für die sichtbaren und unsichtbaren Spuren von Herrschaft. Gefängnisse, Mauern, Zellen und andere Architekturen werden zu Zeugnissen politischer und gesellschaftlicher Macht. In seinen Arbeiten zeichnet er diese Orte nach oder integriert authentische Objekte in seine Installationen. Architektur wird dabei zur Erinnerungsträgerin: Sie erzählt von Menschen, die eingesperrt, verfolgt, deportiert oder zum Schweigen gebracht wurden – aber ebenso von jenen, die sich widersetzten.
Seine historischen Bezugspunkte reichen weit zurück. Daubanes beschäftigt sich etwa mit Galileo Galilei, der vom Heiligen Offizium unter Hausarrest gestellt wurde, oder mit revolutionären Künstlern wie Giovanni Piranesi und Gustave Courbet sowie dessen Freund, dem Dichter Pierre Dupont. Einen besonderen Stellenwert nimmt die französische Résistance ein. Jean Moulin, eine der zentralen Figuren des französischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, und seine Inhaftierung im Gefängnis Montluc in Lyon gehören ebenso zu den Themen der Ausstellung wie der Gefängnisaufstand in Nancy in den 1970er-Jahren.
Gerade der Blick auf Nancy besitzt für Karlsruhe eine besondere Bedeutung: Die französische Stadt ist Partnerstadt Karlsruhes. Das einstige Gefängnis Charles III wird damit nicht nur zum historischen Schauplatz, sondern zu einem Ort, an dem sich Geschichte und Gegenwart unmittelbar begegnen. Daubanes’ Arbeiten sind jedoch keine nostalgische Erinnerung an vergangene Formen des Widerstands. Sie stellen vielmehr die Frage nach dessen Aktualität. Was bedeutet Widerstand in einer Zeit, in der autoritäre Strukturen, politische Repression, Krieg und soziale Ungleichheit weiterhin Realität sind? Und welche Formen kann Auflehnung annehmen, wenn offene Konfrontation unmöglich oder lebensgefährlich wird?
Der Ausstellungstitel „Le feu intérieur“ beschreibt dabei eine doppelte Bewegung: Er verweist auf gesellschaftliche Konflikte, die unter der Oberfläche schwelen, ebenso wie auf jenes innere Feuer, das Menschen antreibt, sich nicht mit Unrecht abzufinden. Sabotage, Meuterei, Subversion und ziviler Ungehorsam erscheinen in Daubanes’ Werk als Strategien des Überlebens und der Befreiung.
Seine Kunst ist dabei unbequem, körperlich und unmittelbar. Sie verlangt keine distanzierte Betrachtung, sondern konfrontiert ihr Publikum mit der Frage nach der eigenen Haltung. Wo beginnt Widerstand? Wann wird Gehorsam zur Mitschuld? Und wie viel Mut braucht es, um sich einer scheinbar übermächtigen Ordnung entgegenzustellen?
„Le feu intérieur“ ist damit eine Ausstellung über Geschichte – und zugleich über die Gegenwart. Über Menschen, die Grenzen überschreiten, weil sie sie nicht länger akzeptieren können. Über das Feuer, das in Gesellschaften schwelt. Und über die Kraft, die entstehen kann, wenn aus Empörung Entschlossenheit wird.
26. September 2026 bis 10. Jänner 2027
www.kunsthalle-karlsruhe.de
