Was geschieht, wenn persönliche Freiheit und gesellschaftliche Ordnung unversöhnlich aufeinanderprallen? Wenn die Liebe zum Verbrechen erklärt wird und ein Gesetz, das als heilig gilt, über das Leben des Einzelnen bestimmt? Gaspare Spontinis „La Vestale“ erzählt von genau diesem Konflikt – und zeigt dabei eine Welt, in der Religion, Macht und militärische Ordnung keine Abweichung dulden.

Am 26. September 2026 feiert Spontinis Oper an der Staatsoper Unter den Linden Premiere. In der Inszenierung der amerikanischen Regisseurin Lydia Steier wird aus dem historischen Stoff ein beklemmendes Drama über religiösen Extremismus, militaristischen Eifer und die Frage, ob Liebe zwischen solchen unbarmherzigen Extremen überhaupt bestehen kann. Steier, die an der Staatsoper zuletzt mit „Les Contes d’Hoffmann“ für Aufsehen sorgte, ist bekannt für bildstarke und musikalisch präzise Arbeiten, in denen gesellschaftliche und politische Strukturen mit großer Konsequenz sichtbar werden.
Im Zentrum steht Julia, eine Vestalin und Priesterin der Göttin Vesta. Ihre Aufgabe ist es, die heilige Flamme zu bewachen – und damit zugleich die Reinheit und das Fortbestehen der Gemeinschaft zu garantieren. Doch Julia liebt Licinius. In einer Nacht lässt sie ihn zu sich, dorthin, wo sie die Flamme bewachen soll. Damit entscheidet sie sich gegen das auferlegte Gesetz und für die Natur des Menschen: für Begehren, Nähe und Liebe.
Für die Oberste Vestalin ist diese Entscheidung unverzeihlich. Die Liebe erscheint ihr als „barbarisches Monster“, als Feindin der Göttin Vesta. Julia gerät damit nicht nur in einen persönlichen Konflikt, sondern stellt eine gesamte Ordnung infrage. Ihr Körper, ihre Gefühle und ihre Entscheidung werden zum Gegenstand einer Macht, die keinerlei Widerspruch duldet.

Sonya Yoncheva © Rolex, Hugo Glendinning

Sonya Yoncheva © Rolex, Hugo Glendinning

Spontini komponierte „La Vestale“ 1807 für das napoleonische Paris und feierte damit seinen bis dahin größten Erfolg. Die groß dimensionierte Oper wurde zu einem der erfolgreichsten Werke des 19. Jahrhunderts. Chöre von monumentaler Wirkung, wirkungsvolle Instrumentaleffekte und umfangreiche Ballettmusik entwickelten eine Klangsprache, die später auch Komponisten wie Richard Wagner und Hector Berlioz beeinflusste. Von 1820 bis 1841 wirkte Spontini als Preußischer Generalmusikdirektor in Berlin – „La Vestale“ kehrt nun an einen Ort zurück, der eng mit seinem Leben und Wirken verbunden ist.
Die musikalische Leitung übernimmt der italienische Dirigent Carlo Rizzi, der die Staatskapelle Berlin und eine hochkarätige Besetzung führt. In der Titelpartie ist die international gefeierte Sopranistin Sonya Yoncheva als Julia zu erleben. David Butt Philip singt ihren Geliebten Licinius, Marina Prudenskaya übernimmt die Partie der Großen Vestalin.
So wird „La Vestale“ in Berlin zu weit mehr als einer Wiederentdeckung des französischen Opernrepertoires. Die Geschichte einer Frau, die zwischen einem übermächtigen Gesetz und ihrer eigenen Menschlichkeit wählen muss, berührt Fragen, die über ihre Entstehungszeit hinausweisen. Lydia Steiers Inszenierung richtet den Blick auf Systeme, die Glauben und Macht miteinander verbinden – und auf den Preis, den jene bezahlen, die es wagen, ihnen zu widersprechen.
„La Vestale“ erzählt damit von einer Liebe, die nicht nur gegen ein Gesetz rebelliert, sondern gegen eine ganze Weltordnung. Und vielleicht liegt genau darin die ungebrochene Kraft dieses über zweihundert Jahre alten Werkes.
Premiere: 26. September 2026
Weitere Vorstellungen: 30. September, 3., 6. und 9. Oktober 2026 sowie 30. April, 6. und 8. Mai 2027
www.staatsoper-berlin.de