Sie gehörten zu den gefeiertsten Künstlerinnen ihrer Zeit, verkehrten an europäischen Höfen und behaupteten sich in einer Kunstwelt, die überwiegend von Männern geprägt war: Angelika Kauffmann und Élisabeth Louise Vigée Le Brun. Die Gallerie d’Italia in Neapel widmet den beiden Malerinnen mit „Angelika Kauffmann und Elisabeth Vigée-Le Brun. Die Ära der Malerinnen in Neapel“ erstmals eine gemeinsame Ausstellung. Vom 6. November 2026 bis zum 7. März 2027 eröffnet sich ein faszinierender Blick auf zwei Karrieren, die den Klassizismus entscheidend mitprägten – und die Geschichte weiblicher Selbstbestimmung in der Kunst neu beleuchten.

Angelika Kauffmann (1741–1807) und Élisabeth Louise Vigée Le Brun (1755–1842) verband nicht nur ihr außergewöhnliches Talent. Beide erkannten früh den Wert ihrer künstlerischen Arbeit, entwickelten ein selbstbewusstes öffentliches Bild und eroberten sich eine Stellung, die Frauen ihrer Zeit keineswegs selbstverständlich offenstand. Ihre Porträts und Historiengemälde fanden internationale Anerkennung. Sie wurden zu gefragten Künstlerinnen und prägten das kulturelle Leben Europas weit über ihre jeweilige Heimat hinaus.
Die Ausstellung macht ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede anhand von Gemälden und Selbstporträts sichtbar. Kauffmann, gebildet, kosmopolitisch und vielseitig, widmete sich neben der Porträtkunst vor allem der Historienmalerei, allegorischen Darstellungen und literarisch inspirierten Bildthemen. Ihre Werke verbinden klassische Eleganz mit intellektueller Tiefe und einer besonderen Anmut. Vigée Le Brun hingegen brillierte vor allem im aristokratischen und höfischen Porträt. Berühmt wurde sie unter anderem durch ihre Darstellungen von Königin Marie-Antoinette und Mitgliedern bedeutender europäischer Adelsfamilien. Ihre Malerei wirkt unmittelbar, lebendig und ausdrucksstark – Qualitäten, die ihr den Ruf einer Meisterin des Erhabenen einbrachten.

Angelika Kauffmann, Selbstporträt der Künstlerin am Scheideweg zwischen Musik und Malerei, Rom 1794, Öl/Lw, (Nostell Priory, West Yorshire © National Trust Images/John Hammond)

Angelika Kauffmann, Selbstporträt der Künstlerin am Scheideweg zwischen Musik und Malerei, Rom 1794, Öl/Lw, (Nostell Priory, West Yorshire © National Trust Images/John Hammond)

Ein roter Faden führt durch Italien, das für beide Künstlerinnen eine entscheidende Rolle spielte. Hier erhielten sie wichtige künstlerische Impulse, knüpften Kontakte und legten Grundlagen für ihren internationalen Erfolg. Rom und Neapel stehen im Zentrum der Ausstellungserzählung. Sie veranschaulichen die Verbindungen der Malerinnen zum bourbonischen Hof und zur Kultur der Grand Tour, jener Bildungsreise, die das europäische Kunstverständnis nachhaltig beeinflusste.
Besonders aufschlussreich ist der direkte Vergleich von Werken, die dieselben Persönlichkeiten zeigen. Auch die Selbstporträts eröffnen einen Dialog: Wie präsentierten sich die Künstlerinnen der Welt? Welche Rolle spielten dabei gesellschaftliche Erwartungen, persönliche Ambitionen und das Bewusstsein für den eigenen Rang? Ihre Bilder erzählen nicht nur von den Dargestellten, sondern ebenso von den Frauen, die den Pinsel führten – und sich ihrer eigenen Bedeutung bewusst waren.
So wird die Schau weit mehr als eine Begegnung zweier großer Namen. Sie erzählt von beruflicher Unabhängigkeit, strategischem Geschick und dem Mut, sich in einem männlich dominierten Umfeld durchzusetzen. Im Spannungsfeld von Aufklärung, Klassizismus und Revolution trugen Kauffmann und Vigée Le Brun dazu bei, die Vorstellung davon zu verändern, wer Kunst schaffen, Öffentlichkeit prägen und kulturelle Maßstäbe setzen kann.
Zum Abschluss öffnet sich der Blick über die beiden Hauptfiguren hinaus auf weitere Malerinnen, die sich um 1800 in Italien und Frankreich als bedeutende Akteurinnen etablierten. Damit zeichnet die Ausstellung nicht nur zwei außergewöhnliche Lebenswege nach, sondern macht ein ganzes Kapitel europäischer Kunstgeschichte sichtbar: die Ära der Malerinnen, deren Einfluss bis in die Gegenwart reicht.
6. November 2026 bis 7. März 2027
www.gallerieditalia.com

Élisabeth Louise Vigée Le Brun, Portrait de la Baronne de Crussol, 1785, Öl auf Leinwand, Musée des Augustins de Toulouse

Élisabeth Louise Vigée Le Brun, Portrait de la Baronne de Crussol, 1785, Öl auf Leinwand, Musée des Augustins de Toulouse