Wenn sich im KOENIGmuseum in Landshut die Welt der abstrakten Nachkriegsmoderne mit der hyperrealen Gegenwartskunst begegnet, entsteht ein Dialog, der so überraschend wie tiefgründig ist. Unter dem Titel „Patricia Piccinini. Willkommener Gast“ präsentiert das Museum eine große Ausstellung der international gefeierten australischen Bildhauerin – eine Künstlerin, die mit ihren zugleich berührenden und verstörenden Kreaturen zwischen Mensch, Tier und Maschine längst zu einer der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Skulptur avanciert ist.
Dass ihre Arbeiten nun mit den plastischen Werken Fritz Koenigs (1924–2017) in Beziehung treten, ist weit mehr als ein formales Experiment. Es ist ein Aufeinandertreffen zweier künstlerischer Welten, die – bei aller Gegensätzlichkeit – dasselbe Terrain vermessen: die Fragilität des Menschseins. Während Koenig im harten Material von Bronze und Eisen existenzielle Themen wie Tod, Erotik und die Sehnsucht nach Harmonie verdichtete, schafft Piccinini in Silikon und Haar weich anmutende Körperhybride, die gleichermaßen anziehen wie irritieren. Beide loten jene Zone zwischen Leben und Idee aus, in der das Menschliche zu kippen beginnt.
Die Ausstellung, realisiert in Kooperation mit dem Institut für Kulturaustausch Tübingen, bildet den Auftakt einer neuen kuratorischen Strategie: Das KOENIGmuseum will das Werk seines Namensgebers künftig gezielt in Beziehung zu Gegenwartskünstlerinnen und -künstlern setzen. Der „Willkommene Gast“ ist also programmatisch zu verstehen – als Einladung, das Bekannte aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Patricia Piccinini, Kindred, 2018 © Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und des Instituts für Kulturaustausch
Patricia Piccinini, Jahrgang 1965, gehört zur zweiten Generation der Hyperrealisten. Wie ihre Kollegen Ron Mueck oder Evan Penny nutzt sie die Präzision moderner Materialien, um Fragen nach Ethik, Empathie und der Zukunft des Lebens zu stellen. Ihre Wesen – halb Mensch, halb Tier, manchmal maschinenhaft – sind keine Albträume der Gentechnik, sondern poetische Spekulationen über Nähe und Verantwortung. Sie verkörpern das Fremde im Eigenen, das Andere, das in uns selbst wohnt. Ihre Haut scheint zu atmen, ihre Körper zittern vor Leben, und doch entziehen sie sich jeder klaren Zuordnung.
Im Zusammenspiel mit Koenigs abstrahierten Reiterfiguren, Tierplastiken und Mutter-Kind-Darstellungen entstehen unerwartete Resonanzen. Wo Koenig die Form auf ihren archaischen Kern reduzierte, führt Piccinini sie an die Grenze zur biologischen Fülle. Beide Künstler verbindet ein tiefes Bewusstsein für das Organische, für das Ineinander von Leben, Materie und Geist. Und beide befragen die Beziehung zwischen Natur und Kultur, zwischen Mensch und Schöpfung – nur mit unterschiedlicher Grammatik.

Fritz Koenig, Große Doppelkaryatide N, Bronze, 1968/70, WVZ-Sk 421, Foto: KOENIGmuseum
Große Doppelkaryatide N, Ganslberg, Foto: Archiv Koenig
Der sinnlich wie intellektuell anregenden Schau gelingt es, den Begriff des „Menschlichen“ neu zu justieren. Sie berührt Fragen nach Empathie, Grenzüberschreitung und Verantwortung in einer Zeit, in der technische Möglichkeiten die Definition des Lebendigen herausfordern. Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Podiumsdiskussionen, Workshops und einem Künstlerinnengespräch mit Patricia Piccinini selbst vertieft diese Themen und macht das KOENIGmuseum zum Ort des Nachdenkens über das, was Leben – und Mitgefühl – im 21. Jahrhundert bedeutet.
So ist „Willkommener Gast“ mehr als eine Begegnung zweier Künstlergenerationen. Es ist ein Plädoyer für Offenheit, für die Fähigkeit, im Unbekannten das Verwandte zu erkennen – und in der Kunst einen Resonanzraum für die Fragen unserer Zeit zu finden.
25. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026
In Kooperation mit dem Institut für Kulturaustausch, Tübingen
https://koenigmuseum.de

Patricia Piccinini, The Bond, 2016 © Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und des Instituts für Kulturaustausch




