Mit der Ausstellung Sweet Landscape präsentiert das Museion Bozen die erste institutionelle Einzelausstellung von Evelyn Taocheng Wang in Italien – ein vielschichtiges künstlerisches Statement zwischen persönlicher Erzählung, kultureller Hybridität und kunsthistorischer Reflexion. Die in Rotterdam lebende Künstlerin bewegt sich souverän zwischen Medien wie Malerei, Schreiben, Installation, Performance und Mode und entwickelt dabei eine unverwechselbare visuelle Sprache, die ebenso poetisch wie analytisch ist.
Im Zentrum ihres Schaffens steht die Auseinandersetzung mit Identität als etwas Dynamischem, Wandelbarem. Wang verwebt kunsthistorische Bezüge mit autobiografischen Fragmenten und Formen der Autofiktion, wodurch Bilder entstehen, die weniger Antworten liefern als vielmehr Fragen aufwerfen: nach Authentizität, nach kultureller Zuschreibung und nach den Mechanismen, mit denen Identität sichtbar gemacht wird. Ihre sogenannte „Lidschattenpalette der Kunstgeschichte“ ist dabei weniger ein Werkzeug als eine Haltung – ein spielerischer, zugleich präziser Zugriff auf Traditionen westlicher und östlicher Bildwelten. Südtirol mit seiner besonderen kulturellen Mehrsprachigkeit bildet für die Ausstellung einen resonanten Ort. Wang reagiert auf Bozen nicht nur als geografischen Raum, sondern als Erfahrungsraum. Eindrücke vom lokalen Wochenmarkt, die farbintensiven Arrangements von Obst und Gemüse oder die vielschichtigen visuellen Eindrücke historischer Fresken fließen in ihre Arbeiten ein. So entstehen Bildwelten, die zwischen Beobachtung und Erinnerung oszillieren und sich in einer feinsinnigen Balance aus Realität und Imagination entfalten.

Evelyn Taocheng Wang, Bolzano Red and Green Tomato and Eyeshadow , 2025–2026 (Detail), Mineralfarbe, Kalligrafietinte, Seide, Xuan-Papier, auf Holzplatte montiert © Evelyn Taocheng Wang 2026, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin; Antenna Space, Shanghai; Carlos/Ishikawa, London, Foto: Junli Chen
Für Sweet Landscape entwickelt Wang eine Szenografie, die neue Gemälde auf unterschiedlichen Materialien mit bestehenden Werkgruppen verbindet. Ihre bekannten Bezüge zu Agnes Martins Rasterbildern erscheinen ebenso wie textile Arbeiten auf Seide oder auf Kleidungsstücken aus ihrer eigenen Garderobe. Auch narrative Elemente spielen eine zentrale Rolle: Motive aus dem Märchen „Der Froschkönig“ der Brüder Grimm tauchen in urbanen Landschaften auf, ebenso wie Referenzen an August Macke, wodurch ein dialogisches Geflecht aus Geschichte, Fiktion und persönlicher Symbolik entsteht.
Die Ausstellung versteht sich als räumliche Komposition, in der Innen- und Außenraum ineinandergreifen. Wang beschreibt diesen Ansatz als eine Art „erträumten Mutterleib“ – einen offenen, transformierenden Raum, in dem Bedeutungen nicht festgeschrieben, sondern in Bewegung gehalten werden. Der Ausstellungstitel „Sweet Landscape“ verweist dabei nicht nur auf eine visuell ansprechende Oberfläche, sondern auf eine bewusst vielschichtige Lesart von Landschaft als kulturelles, philosophisches und emotionales Konzept.
Zwischen östlichen Traditionen des „Landschaftsschreibens“ und westlichen Vorstellungen von Bildraum entfaltet sich eine Ausstellung, die den Blick schärft für das, was zwischen den Ebenen liegt: zwischen Sichtbarem und Verborgenen, zwischen persönlicher Erinnerung und kollektiver Projektion. Wang lädt das Publikum dazu ein, diese Übergänge nicht nur zu betrachten, sondern als Teil eines fortlaufenden Prozesses zu erleben – einer Landschaft, die ebenso im Inneren wie im Außen entsteht.
25. April bis 8. November 2026
www.museion.it
















