Im Kunsthaus Merano treffen zeitgenössische Kunst, gesellschaftliche Fragen und internationale Perspektiven aufeinander. Mit der Ausstellung „Animacies“ öffnet die Südtiroler Institution einen faszinierenden Denkraum zwischen Europa und Asien – poetisch, politisch und hochaktuell.

Mitten im Herzen von Meran befindet sich ein Ort, der längst weit mehr ist als ein klassischer Ausstellungsraum. Das Kunsthaus Merano hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der spannendsten Plattformen für Gegenwartskunst und Architektur im Alpenraum entwickelt. Lokal verwurzelt und zugleich international vernetzt, verbindet die Institution zeitgenössische künstlerische Praxis mit gesellschaftlichem Diskurs, Forschung und kultureller Vermittlung. Dabei geht es dem Kunsthaus nie nur um das reine Präsentieren von Kunst. Vielmehr versteht sich die Institution als offener Denk- und Erfahrungsraum, in dem ästhetische, politische und soziale Fragen gemeinsam verhandelt werden. Ausstellungen, Bildungsprogramme, Publikationen und Veranstaltungen greifen aktuelle Themen auf und erweitern bewusst bestehende Perspektiven – insbesondere dort, wo Stimmen und Narrative bislang übersehen oder marginalisiert wurden.
Diese Haltung prägt auch die aktuelle Gruppenausstellung „Animacies“, die bis 11. Oktober 2026 im Kunsthaus Merano zu sehen ist. Die Schau versammelt internationale Positionen aus Installation, Malerei und Fotografie und widmet sich einer ebenso poetischen wie hochpolitischen Fragestellung: Wie lassen sich Beziehungen zwischen Europa und Asien neu erzählen?
Im Zentrum steht dabei das Konzept der „Animacy“ – die Vorstellung, dass nicht nur Menschen oder Tiere, sondern auch Dinge, Materialien und Objekte eine Form von Lebendigkeit besitzen. Die Ausstellung hinterfragt damit klassische westliche Ordnungssysteme, die strikt zwischen belebt und unbelebt unterscheiden, und öffnet den Blick auf andere kulturelle und spirituelle Wissensformen.
Besonders faszinierend ist dabei, wie die Künstlerinnen und Künstler Materialien selbst zu Erzähler:innen machen. Rohstoffe, Stoffe, Textilien oder Artefakte erscheinen nicht länger als bloße Objekte, sondern als aktive Träger von Erinnerung, Geschichte und gesellschaftlicher Bedeutung. Dadurch entstehen Arbeiten, die zugleich sinnlich und analytisch wirken – fragile poetische Räume ebenso wie politische Kommentare zu globalen Machtverhältnissen.

Shivanjani Lal, Mere Porvaj (I am remembering), 2024, Courtesy of Linden New Art, Photo Simon Strong

Shivanjani Lal, Mere Porvaj (I am remembering), 2024, Courtesy of Linden New Art, Photo Simon Strong

Die Perspektiven stammen bewusst aus Regionen, die im internationalen Kunstdiskurs oft zu wenig sichtbar sind: Bangladesch, Indonesien, die Mongolei, die Philippinen oder die indische Diaspora der Fidschi-Inseln. Gerade darin liegt die besondere Stärke von „Animacies“. Die Ausstellung versucht nicht, kulturelle Unterschiede zu exotisieren, sondern versteht diese Positionen als eigenständige Ausgangspunkte für neue Formen von Wissen, Gemeinschaft und Identität. Kuratiert von Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi entsteht so eine vielschichtige Ausstellung, die aktuelle Fragen nach Globalisierung, kulturellem Erbe und gesellschaftlicher Verantwortung mit überraschender Leichtigkeit verbindet. Die Werke von Bekhbaatar Enkhtur, Shivanji Lal, Mai Ling, Chathuri Nissansala, Elia Nurvista, Ashfika Rahman und Jennifer Tee eröffnen dabei unterschiedliche visuelle Sprachen – mal leise und meditativ, mal direkt und politisch.
Gerade die Verbindung von internationalem Anspruch und lokaler Verankerung macht das Kunsthaus Merano so besonders. Hier entsteht kein abgeschotteter White Cube, sondern ein lebendiger Ort der Begegnung. Kunst wird nicht elitär inszeniert, sondern als gesellschaftlicher Prozess verstanden, der Austausch ermöglicht und neue Perspektiven eröffnet. In einer Zeit zunehmender Polarisierung erinnert „Animacies“ daran, dass Kunst Räume schaffen kann, in denen Komplexität nicht reduziert, sondern sichtbar gemacht wird. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kraft des Kunsthauses Merano: Gegenwart nicht nur abzubilden, sondern sie gemeinsam neu zu denken.
14. Juni bis 11. Oktober 2026
www.kunstmeranoarte.org

Mai Ling, Becoming Stickiness, 2023, © Mai Ling

Mai Ling, Becoming Stickiness, 2023, © Mai Ling