Was bedeutet Freiheit? Vielleicht beginnt sie dort, wo man den vertrauten Ort verlässt. Dort, wo das Meer beginnt, die Landschaft weiter wird und gesellschaftliche Konventionen ein wenig an Macht verlieren. Zwischen 1830 und 1930 zog es Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa an drei besondere Orte: nach Capri, an die Nordspitze Dänemarks nach Skagen und auf den Monte Verità im Tessin.
Drei Orte, drei Landschaften, drei unterschiedliche Formen der Sehnsucht – und ein gemeinsames Versprechen: Freiheit. Die Ausstellung „Reise in die Freiheit. Capri – Skagen – Monte Verità“, die vom 30. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027 im Kunstmuseum Bern zu sehen ist, erzählt von Menschen, die sich auf die Suche nach einem anderen Leben machten. Rund 60 herausragende Werke – viele davon erstmals in der Schweiz zu sehen – führen an Orte, die für Künstlerinnen und Künstler zu Gegenwelten zur modernen Gesellschaft wurden.
Denn Europa veränderte sich radikal. Die industrielle Revolution beschleunigte das Leben, Eisenbahn, Elektrizität und Dampfmaschine veränderten Arbeitswelt und Alltag. Aus Dörfern wurden Städte, aus Manufakturen Fabriken. Die moderne Welt versprach Fortschritt – und hinterließ bei manchen zugleich das Gefühl, etwas Wesentliches verloren zu haben.
Kunstschaffende und Intellektuelle suchten deshalb nach einem Gegenentwurf: nach Natur statt Industrialisierung, nach Einfachheit statt bürgerlicher Konvention, nach Gemeinschaft statt Vereinzelung.

Michael Ancher, Anna Ancher und Marie Krøyer am Skagener Sønderstrand, 1897, Öl auf Leinwand, Skagens Museum
Drei Sehnsuchtsorte
Capri wurde zum südlichen Arkadien. Das warme Licht, das Meer und die Überreste der Antike zogen vor allem Kunstschaffende aus Nordeuropa an. Hier schien ein Leben möglich, das anderswo kaum denkbar war. Frauen reisten und malten selbstständig, Männer liebten Männer, gesellschaftliche Rollen konnten neu gedacht werden.
Doch die romantische Vorstellung vom Paradies hatte eine Kehrseite. Während Reisende und Künstlerinnen und Künstler die Schönheit der Insel entdeckten, kämpfte die lokale Bevölkerung mit harter Arbeit und Armut. Fischer riskierten ihr Leben auf dem Meer, Frauen arbeiteten auf Feldern und in den Orangenhainen. Die Kunst zeigt beides: die Sehnsucht nach dem Paradies – und die Realität dahinter.
Ganz anders und doch überraschend ähnlich präsentiert sich Skagen. Dort, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen, war die Landschaft rau, das Leben einfach und die Fischerei gefährlich. Bis 1871 war der Ort nur per Schiff oder über einen Feldweg erreichbar. Gerade diese Abgeschiedenheit machte Skagen für die Künstlerkolonie attraktiv. Das besondere Licht, der Wind und die unmittelbare Nähe zu den Elementen vermittelten das Gefühl, dem unverfälschten Leben näherzukommen. Fischer bei ihrer Arbeit, Familien im Alltag, Menschen in Momenten der Ruhe: Die Künstlerinnen und Künstler suchten nicht das Spektakuläre, sondern das Echte.

Oscar Björck, Pfeifenrauchende Skagenfischer, 1889, Öl auf Leinwand, Museum Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr
Der Aufbruch nach innen
Der Monte Verità wiederum wurde um 1900 zum Schauplatz einer radikalen Lebensreform. Die junge Künstler- und Lebensreformbewegung wollte die Beziehung zwischen Mensch und Natur neu denken und suchte nach einer freien, schöpferischen Gemeinschaft.
Hier wurde nicht nur anders gemalt – hier sollte anders gelebt werden. Körper, Natur, Gemeinschaft und Spiritualität gewannen an Bedeutung. Traditionelle Vorstellungen von Gesellschaft, Geschlecht und Lebensführung wurden infrage gestellt. Die Kunst dieses Umfelds ist entsprechend farbintensiv, expressionistisch und teilweise abstrakt. Sie erzählt von Aufbruch, Veränderung und dem Wunsch, Grenzen hinter sich zu lassen.
Utopie und Wirklichkeit
Gerade darin liegt die besondere Stärke dieser Ausstellung: Sie erzählt nicht nur die romantische Geschichte dreier Künstlerkolonien. Sie fragt auch, was aus einer Utopie wird, wenn sie auf die Wirklichkeit trifft. Die idealisierten Landschaften und lichtdurchfluteten Szenen stehen neben Bildern des harten Alltags. Neben dem Künstlerleben existieren Fischer, Arbeiterinnen, Kinder und alte Menschen. Neben der Freiheit der einen steht die soziale Realität der anderen.
So werden Capri, Skagen und Monte Verità zu mehr als historischen Schauplätzen. Sie werden zu Spiegeln einer Gesellschaft im Wandel – und zu Orten, an denen sich Fragen stellen, die bis heute erstaunlich aktuell sind:
Wie wollen wir leben?
Wie viel Freiheit brauchen wir?
Was bedeutet ein selbstbestimmtes Leben?
Und was sind wir bereit, dafür hinter uns zu lassen?
Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern lädt dazu ein, diese Fragen nicht theoretisch, sondern durch die Augen der Kunst zu erleben. Wasser, Licht, Landschaft und Menschen werden zu Zeugen eines großen europäischen Aufbruchs.
30. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027
www.kunstmuseumbern.ch

Marianne von Werefkin, Der grosse Mond, 1923, Tempera auf Papier auf Karton, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona, Fondazione Marianne Werefkin















