Was verbindet eine österreichische Künstlerin des 20. Jahrhunderts mit einem norwegischen Maler, der bereits Jahrzehnte vor ihr die Kunstgeschichte geprägt hat? Auf den ersten Blick liegen zwischen Maria Lassnig und Edvard Munch Welten. Auf den zweiten entsteht ein erstaunlich unmittelbarer Dialog. Das Kunsthaus Zürich macht diese Verbindung erstmals zum Thema und versammelt rund 150 Werke zu einer Ausstellung, die zwei außergewöhnliche künstlerische Positionen neu miteinander in Beziehung setzt.
„Malfluss = Lebensfluss“ lautet der Titel der Schau, die vom 2. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027 zu sehen ist. Er geht auf ein Gemälde Maria Lassnigs aus dem Jahr 1996 zurück und beschreibt zugleich einen Gedanken, der beide Künstler verbindet: Malerei ist für sie weit mehr als die Abbildung der sichtbaren Welt. Sie wird zum Ausdruck von Empfindungen, Ängsten, Verletzlichkeit und existenziellen Erfahrungen – zu einer Möglichkeit, dem Inneren eine sichtbare Form zu geben.
Munch, geboren 1863, und Lassnig, geboren 1919, trennen mehr als fünf Jahrzehnte. Dennoch kreisen ihre Werke um erstaunlich ähnliche Fragen. Was bedeutet es, im eigenen Körper zu leben? Wie verändern Krankheit, Liebe, Einsamkeit und Tod unsere Wahrnehmung? Und wie eng sind Mensch und Natur miteinander verbunden?
Während Munch immer wieder den Kreislauf von Leben, Tod und Erneuerung ins Bild bringt, richtet Lassnig den Blick radikal auf die eigene körperliche Wahrnehmung. Ihre berühmten Körperbewusstseinsbilder machen Empfindungen sichtbar, die sich eigentlich kaum in Worte fassen lassen. Der Körper wird bei ihr nicht zum Gegenstand, sondern zum Seismografen des eigenen Daseins.

Edvard Munch, Vampir im Wald, 1916–1918, Huile sur toile, Munchmuseet, Oslo, photo: Munchmuseet, Oslo
Dass Munch für Lassnig dabei weit mehr als nur ein kunsthistorischer Vorgänger war, zeigt sich eindrucksvoll. Sie setzte sich intensiv mit seinem Werk auseinander und erkannte in ihm einen Künstler, der bis in die tiefsten Schichten der menschlichen Psyche vordrang. In ihrem Gemälde „Traditionskette“ von 1983 erscheint Munch gemeinsam mit Diego Velázquez und Vincent van Gogh hinter der Künstlerin – ein imaginärer Stammbaum, der Lassnigs eigene Position innerhalb der Kunstgeschichte sichtbar macht. Für die Zürcher Ausstellung konnte dieses lange nicht öffentlich gezeigte Werk wieder zugänglich gemacht werden.

Maria Lassnig, Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt), 2000, Huile sur toile, Maria Lassnig Stiftung, © Maria Lassnig, Stiftung / 2026, ProLitteris, Zurich
Überhaupt lebt die Schau von solchen überraschenden Resonanzen. Krankheit und Tod, Mensch und Natur, Mensch und Tier, Verletzlichkeit und emotionale Grenzerfahrungen werden zu verbindenden Motiven. Gleichzeitig bleiben die Unterschiede deutlich: Munchs symbolisch aufgeladene Bildwelten treffen auf Lassnigs radikal subjektive Körperwahrnehmung. Gerade in diesem Spannungsfeld wird die Ausstellung interessant.
Für das Kunsthaus Zürich besitzt die Begegnung zudem eine besondere Bedeutung. Das Museum verfügt über die größte Sammlung von Munch-Gemälden außerhalb Norwegens. Die Verbindung reicht bis in die 1920er-Jahre zurück: 1922 widmete das Kunsthaus dem norwegischen Künstler eine umfangreiche Ausstellung, die er später zu seinen schönsten künstlerischen Erlebnissen zählte. Mit Maria Lassnig verbindet das Haus ebenfalls eine langjährige Geschichte. 2002 erhielt sie den Roswitha Haftmann-Preis, 2003 folgte eine Einzelausstellung.
Nun treffen beide Künstler in Zürich unmittelbar aufeinander. Und vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft dieser Ausstellung: Sie versucht nicht, zwei Lebenswerke gleichzumachen. Vielmehr lässt sie sie miteinander schwingen.
Munch mit Lassnigs Augen zu sehen und Lassnig im Spiegel Munchs neu zu entdecken – das bedeutet, Malerei nicht als festgefrorenen Augenblick zu begreifen, sondern als etwas Bewegtes. Als Ausdruck eines Lebens, das ständig in Veränderung ist.
2. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027
www.kunsthaus.ch

Edvard Munch, Zwei Menschen. Die Einsamen, um 1935, Huile sur toile, Munchmuseet, Oslo, photo: Munchmuseet, Oslo















